Kinästhetik Infant Handling in der Neonatologie

February 14, 2018 | Author: Anonymous | Category: N/A
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Kinästhetik Infant Handling in der Neonatologie

Steiermärkische Krankenanstalten Ges.m.b.H. Sonderausbildung für Intensivpflege Maria Elisabeth Schnedl Graz 2002/2003 2. Auflage

Zwei kleine Füße bewegen sich fort, zwei kleine Ohren, die hören das Wort, ein kleines Wesen, mit Augen die sehen, das ist die Schöpfung, sie läßt uns verstehen.

Zwei kleine Arme, zwei Hände daran, das ist ein Wunder, das man sehen kann.

Wir wissen nicht, was das Leben Dir bringt, wir werden Dir helfen, daß vieles gelingt!

Gedicht von Eltern

Kinästhetik Infant Handling in der Neonatologie

M. Elisabeth Schnedl

Inhaltsverzeichnis 1

Einleitung .................................................................................................................1

2

Grundlagen der Kinästhetik ...................................................................................2

2.1

Definition: .................................................................................................................................................... 2

2.2

Womit beschäftigt sich Kinästhetik?......................................................................................................... 2

2.3

Worum handelt es sich bei Kinästhetik?................................................................................................... 2

2.4

Geschichte der Kinästhetik ........................................................................................................................ 3

3

Persönliche Erfahrungen mit Kinästhetik .............................................................3

4

Kinästhetik Infant Handling....................................................................................4

4.1

Was ist darunter zu verstehen?.................................................................................................................. 4

4.2

Was lernen wir durch Kinästhetik Infant Handling? .............................................................................. 4

4.3

Wozu Kinästhetik Infant Handling? ......................................................................................................... 4

4.4

Die Bedeutung des kinästhetischen Konzeptes für den Menschen nach der Geburt ............................ 5

5

Anwendung der sechs kinästhetischen Konzepte in der professionellen Pflege .................................................................................6

5.1 Interaktion ................................................................................................................................................... 7 5.1.1 Sinne...................................................................................................................................................... 7 5.1.2 Bewegungselemente.............................................................................................................................. 9 5.1.3 Interaktionsformen .............................................................................................................................. 10 5.2 Konzept der funktionalen Anatomie ....................................................................................................... 13 5.2.1 Knochen und Muskeln ........................................................................................................................ 13 5.2.2 Massen und Zwischenräume ............................................................................................................... 15 5.2.3 Orientierung ........................................................................................................................................ 16 5.3 Menschliche Bewegung ............................................................................................................................. 20 5.3.1 Haltungs- und Transportbewegungen ................................................................................................. 20 5.3.2 Parallele- und spiralige Bewegungsmuster ......................................................................................... 21 5.4 Konzept der Anstrengung ........................................................................................................................ 23 5.4.1 Zug und Druck .................................................................................................................................... 23 5.5 Konzept der menschlichen Funktion....................................................................................................... 25 5.5.1 Einfache menschliche Funktionen....................................................................................................... 25 5.5.2 Komplexe menschliche Funktionen .................................................................................................... 26 5.6

Umgebungsgestaltung ............................................................................................................................... 27

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6

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Positionsunterstützungen ....................................................................................28

6.1

Unterschied zwischen Lagerung und Positionsunterstützung: ............................................................. 28

6.2

Wichtige Punkte zur Positionsunterstützung ......................................................................................... 29

6.3

Checkliste zur Positionsunterstützung .................................................................................................... 29

6.4 Vorschläge für Positionsunterstützungen ............................................................................................... 30 6.4.1 Oberkörperhochlagerung..................................................................................................................... 30 6.4.2 Vorschläge für Positionsunterstützung beim Verabreichen der Nahrung............................................ 32 6.5

Umgebungsunterstützung in Rücken-Seitenlage.................................................................................... 34

6.6

Umgebungsunterstützung in Bauch-Seitenlage:..................................................................................... 36

7

Zusammenfassung................................................................................................38

8

Dank .......................................................................................................................39

9

Literaturverzeichnis ..............................................................................................40

9.1

Fachbücher ................................................................................................................................................ 40

9.2

Fachzeitschriften ....................................................................................................................................... 40

9.3

Diverses ...................................................................................................................................................... 41

10 Abbildungsverzeichnis .........................................................................................41 10.1

Fachbuch.................................................................................................................................................... 41

10.2

Eigene Aufnahmen .................................................................................................................................... 41

11 Anhang...................................................................................................................42 11.1

Praktikum im Universitätsspital Zürich (Neonatologiezentrum) ......................................................... 42

11.2

Praktikum im Olgaspital Stuttgart (Neonatologiezentrum).................................................................. 43

Kontaktadresse: M. Elisabeth Schnedl Egger-Lienz-Gasse 23/14 A-5020 Salzburg E-Mail: [email protected]

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1 Einleitung Die Aufgabenbereiche von uns Pflegepersonen sind sehr breit gefächert. Ganz ohne Zweifel ist es von bedeutsamer Wichtigkeit, dass wir zum Beispiel den Pflegeprozess durchführen, auf Notfälle entsprechend reagieren, technische Geräte bedienen können sowie ärztlichen Anordnungen Folge leisten.

„Aber Pflege ist mehr!“ Abgesehen von der Verankerung im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz und in unserem Leitbild, ist es mein persönliches Anliegen, die mir anvertrauten Patienten nach neuen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung zu pflegen, und deren persönliche Weiterentwicklung zu fördern. Bereits in meiner Ausbildung für allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege habe ich ein Konzept kennen gelernt, welches ich als Grundlage für professionelle Pflege betrachte: Kinästhetik. Dieses Lernmodell befähigt Pflegepersonen, den zu betreuenden Menschen in seinen physiologischen

Bewegungen

zu

unterstützen.

Dadurch

wird

seine

Orientierung,

Körperwahrnehmung sowie seine Gesundheit und Entwicklung gefördert. Durch Kinästhetik lernen wir, die Bewegung von Patienten unter Einbeziehung ihrer Fähigkeiten mit angemessener Anstrengung zu organisieren. Dies wird beispielsweise durch Bewegen statt Heben ermöglicht (vgl. Maietta, Hatch, 2002). Die genannten Aspekte scheinen mir für Patienten und Pflegende auch in präventiver Hinsicht sehr bedeutsam. Im Kinästhetikgrundkurs habe ich erfahren, dass wir uns durch das Bewusstmachen von Bewegung den Bewegungsbedürfnissen von Patienten besser anpassen, und dadurch die Pflege entspannter und harmonischer gestalten können. Daher möchte ich mich im Rahmen meiner Facharbeit eingehend mit dem Thema Kinästhetik in der Pflege, mit dem Schwerpunkt Neonatologie, beschäftigen. Mein Ziel ist es, die kinästhetischen Prinzipien besser zu verstehen und gezielt umsetzen zu können.

Besonders

wichtig

ist

mir,

dass

ich

Pflegepersonen

in

Ausbildung

bei

Positionsunterstützungen der kleinen Patienten auf unserer Station kompetenter begleiten kann. Ebenso ist es mir ein Anliegen, auch an Eltern hilfreiche Anleitungen weitergeben zu können, damit sie im Umgang mit ihren Kindern mehr Sicherheit erfahren und gegenseitiges Vertrauen aufbauen können. Ich würde mich freuen, wenn ich mit meiner Facharbeit auch bei weiteren Pflegepersonen sowie bei anderen Berufsgruppen, welche mit Früh- und Neugeborenen arbeiten, Interesse für Kinästhetik Infant Handling wecken kann. SAB Graz 2002/2003

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2 Grundlagen der Kinästhetik 2.1 Definition

-

Kinästhetik ist die Lehre der Bewegungsempfindung (Duden).

2.2 Womit beschäftigt sich Kinästhetik? Durch dieses handlungsorientierte Bewegungskonzept werden Menschen jeden Alters in ihrer Entwicklung, im Lernen, in ihrer Gesundheit, im Altern und im Sterbeprozess unterstützt. Eine Auswirkung

der

Kinästhetik

ist

die

Frühförderung

und

Unterstützung

natürlicher

Bewegungsvorgänge und Sinneswahrnehmungen (vgl. Kandlbauer, 2000).

2.3 Worum handelt es sich bei Kinästhetik?

-

Die Grundidee der Kinästhetik ist Lernen durch Bewegung.

Bei diesem bewegungsorientierten Konzept erlernen Pflegepersonen die Pflegehandlungen unter Einbeziehung der Fähigkeiten des Patienten mit angemessener körperlicher Anstrengung zu organisieren. Dadurch kann der zu betreuende Mensch seine Bewegung besser wahrnehmen, nachvollziehen und selber weiterentwickeln (vgl. Sato, Schwabe, 2002).

-

Kinästhetik verändert das Denken und Handeln

Durch die kinästhetische Denkweise wird die genaue Beobachtung und kreativ überlegtes Handeln angeregt. Indem wir die Bewegungsmöglichkeiten ausschöpfen, Kraftanstrengung und Tempo der Situation anpassen, können wir unsere Arbeitsabläufe entscheidend erleichtern. Pflegepersonen die in Kinästhetik geschult sind erkennen die Zusammenhänge zwischen eigener Bewegungsmöglichkeit, Einfluss der Umgebung und Unterstützung der Vitalfunktionen (vgl. Jäckle, 2001).

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2.4 Geschichte der Kinästhetik Dieses Konzept wurde Ende der 70er-Jahre von den Amerikanern Dr. Lenny Maietta und Dr. Frank Hatch in Zusammenarbeit mit verschiedenen Berufsgruppen für unterschiedliche Bereiche spezifiziert (Kinästhetik in der Pflege, kreatives Lernen und Kinästhetik in der Pädagogik). Die Forschungsergebnisse der Verhaltenskybernetik bieten eine Grundlage (vgl. Grass et al. 1999). Gemeinsam mit den Krankenschwestern Susanne Schmidt und Christel Bienstein wurde dieses Lernmodell Mitte der 80er-Jahre dem deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht (vgl. Sato, Schwabe, 2002).

3 Persönliche Erfahrungen mit Kinästhetik In der allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung (Jhg. 1993- 1996) hatten wir im Kinästhetikunterricht viel Spaß und Erfolg beim gegenseitigen Mobilisieren und „Lagern“. Wir waren so fasziniert, dass wir im Schülerinnenheim noch weitere Übungen durchgeführt haben. Voller Begeisterung wollte ich im Praktikum meine neuen Erkenntnisse ausprobieren. Damals war dieses Konzept erst wenigen Pflegepersonen bekannt und zu meiner Enttäuschung ist kein Funken von meiner großen Euphorie auf die mir vorgesetzte Pflegeperson übergesprungen und die zu betreuenden Patienten wurden, wie üblich, nach der „ho ruck!“ Methode gelagert. Obwohl ich sehr verunsichert war, startete ich weitere Versuche, Kinästhetik in der Pflege umzusetzen. Üblicherweise wurden immobile Patienten von zwei Pflegepersonen nach der oben erwähnten Methode in eine andere Position gebracht. Einmal ergab sich eine günstige Gelegenheit, dass ich einen solchen Patienten alleine nach kinästhetischen Prinzipien (wie z.B. durch Bewegen statt Heben) bei seinem Positionswechsel unterstützen konnte. Es hat zwar etwas länger gedauert, weil ich noch nicht so geübt war, aber es hat funktioniert. Der Patient wirkte sehr entspannt und ich war überaus glücklich. Als die Zimmerschwester sah, dass der Patient bereits versorgt war, meinte sie, ich solle so kraftaufwändige Arbeiten nicht alleine durchführen. Diese Erlebnisse beschreibe ich nicht, um jemanden zu kritisieren, sondern, weil mir jetzt bewusst ist, dass die optimalen Voraussetzungen für das Verständnis und das Umsetzen von Kinästhetik die Selbsterfahrungen in einem einschlägigen Seminar sind. Seit meiner Zusatzausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenschwester arbeite ich im Neonatologiezentrum am St. Johanns- Spital in Salzburg. Es freut mich, dass auch bei uns schon Ansätze von Kinästhetik Infant Handling zu beobachten sind.

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Kurz vor der Sonderausbildung für Intensivpflege habe ich den Basiskurs Kinästhetik Infant Handling bei Frau Karin Jäckle besucht. Gleich danach habe ich neue Aspekte in die tägliche Pflege einbauen können. Ein großer Vorteil war es, dass eine Kollegin den Kurs mit mir gemeinsam besucht hat. So hatten wir die Möglichkeit uns im Dienst gegenseitig zu beraten. Der beste Beweis, dass es sich lohnt, sich mit diesem Konzept auseinander zu setzen, sind für mich die positiven Reaktionen der Kinder, wenn sie auf diese Art betreut werden. Beispiele dafür sind, dass die Kinder meist zufrieden, aufmerksam und entspannt wirken.

4 Kinästhetik Infant Handling 4.1 Was ist darunter zu verstehen?

-

Kinästhetik (griech.)

=

Bewegungsempfindung (Duden)

-

Infant (span.)

=

Kind (Duden)

-

Handling (engl.)

=

Berührung (Medical Dictionary)

„Kinästhetik Infant Handling ist keine neue Pflegemethode, sondern ein Lernmodell, welches die Interaktion (Wechselbeziehung) zwischen Erwachsenen und Kindern jeder Altersgruppe fördert und unterstützt“ (Jäckle, 2001).

4.2 Was lernen wir durch Kinästhetik Infant Handling?

-

Die Bewegungsreserven der Kinder besser zu erkennen.

-

Die Umgebung der Kinder ihren Bedürfnissen entsprechend zu gestalten.

-

Unser Handling so abzustimmen, dass die Bewegungsmöglichkeiten und die Gesundheitsentwicklung von Neu- und Frühgeborenen unterstützt werden. (vgl. Jäckle, 1999)

4.3 Wozu Kinästhetik Infant Handling? Auf Grund von Forschungsergebnissen auf dem Gebiet der Kindesentwicklung und der Kinderheilkunde ist bekannt, wie wichtig Körperkontakt und liebevolle Berührung für das Kind sind. Die Forschung auf dem Gebiet der Verhaltenskybernetik befasst sich mit der Wechselbeziehung von Berührungen. Aus diesem Ergebnis geht hervor, dass beim Kontakt

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zwischen Erwachsenem und Kind Bewegungssignale ausgetauscht werden. Das Kind lernt mit der Zeit, den Bewegungen des Erwachsenen zu folgen. Aus diesen Erkenntnissen wird deutlich, dass Personen, die Kinder betreuen und für sie verantwortlich sind, Fachwissen über Bewegung benötigen. Dadurch kann die Entwicklung der Kinder gezielt gefördert werden (Maietta, ohne Jahreszahl). Kinästhetik Infant Handling lehrt Personen den Umgang mit Kindern so zu gestalten, dass vorgeburtliche Lern- und Entwicklungsbedingungen nach der Geburt fortgesetzt werden können (vgl. Maietta, Hatch, 1993).

4.4 Die Bedeutung des kinästhetischen Konzeptes für den Menschen nach der Geburt Das Kind hat vor der Geburt viele Bewegungserfahrungen gemacht. Einerseits im Zusammenspiel mit seiner Mutter und anderseits durch eigene Bewegungen, die durch die Umgebung im Uterus ermöglicht wurden. Der Fötus bewegt sich durch Druck gegen die Gebärmutterwand in verschiedene Positionen. Auf diese Weise tauschen Mutter und Fötus Bewegungen aus und lernen aufeinander einzugehen. Ein Neugeborenes hat gleich nach der Geburt das Bedürfnis, mit dem Weiterlernen seiner Bewegungserfahrungen fortzufahren. Aber die Schwerkraft wirkt ab jetzt auf den Körper. Der Kopf des Kindes ist relativ groß und schwer, die Extremitäten sind zu kurz und zu schwach, somit kann sich das Kind ohne Unterstützung nicht aktiv in eine andere Position bewegen. Für Neugeborene ist dieser plötzliche Zustand der Bewegungseinschränkung eine einschneidende Unterbrechung der sanften, fließenden und mit viel Bewegung verbundenen vorgeburtlichen Lernerfahrung (vgl. Maietta, Hatch, 1993). Das Kind ist nach der Geburt verunsichert und hilflos. Es erfährt neue Ängste und muss lernen, sich in der ungewohnten Umgebung mit den eingeschränkten Möglichkeiten für Bewegungen zurecht zu finden. Nun ist es den Personen, die es pflegen, ausgeliefert und von ihnen abhängig (vgl. Jäckle, 1999). Jetzt sind Sensibilität, Beobachtung, Kreativität und Fachwissen über die Bedürfnisse und Bewegungserfahrungen des Kindes gefragt! Die Konzepte von Kinästhetik Infant Handling können nun helfen, die jeweilige Situation des Kindes zu analysieren und eine angepasste Unterstützung anzubieten (Jäckle, persönl. Mitteilung, 30.04.2003).

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5 Anwendung der sechs kinästhetischen Konzepte in der professionellen Pflege 5.1.

Interaktion Sinne, Bewegungselemente, Interaktionsformen

5.2.

Funktionale Anatomie Knochen und Muskeln, Massen und Zwischenräume, Orientierung

5.3.

Menschliche Bewegung Haltungs- und Transportbewegung, parallele und spiralige Bewegungsmuster

5.4.

Anstrengung Zug und Druck

5.5.

Menschliche Funktion Einfache Funktionen: Positionen, Grundpositionen Komplexe Funktionen: Bewegung am Ort und Fortbewegung

5.6.

Umgebung

Ziele dieser Konzepte:

-

durch Berührung und Bewegung eindeutig kommunizieren

-

die aktive Teilnahme des Kindes bei täglichen Handlungen verbessern

-

Wohlbefinden sowie sensorische und motorische Entwicklung fördern (Maietta, ohne Jahreszahl)

Damit wir Kinästhetik gezielt und optimal umsetzen können, ist es wichtig, dass wir uns mit diesen Themenbereichen auseinander setzen und vertraut machen. Diese Konzepte ermöglichen es, für die Fähigkeiten, die ein Baby mitbringt, sensibel zu werden, und diese im gegenseitigen Austausch z.B. bei Veränderungen der Körperposition, gezielt einzubeziehen (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002).

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5.1 Interaktion Alles was wir miteinander tun, kann als Interaktion betrachtet werden.

5.1.1 Sinne „Die Grundvoraussetzung für eine Interaktion sind unsere Sinnessysteme.“

Wahrnehmen durch unsere Sinnessysteme Informationen aus der Umwelt erfahren wir durch:

-

visuelle Wahrnehmung (Sehsinn)

-

auditive Wahrnehmung (Hörsinn)

-

taktile Wahrnehmung (Tastsinn)

-

gustatorische Wahrnehmung (Geschmackssinn)

-

olfaktorische Wahrnehmung (Geruchssinn) (vgl. Maietta, Hatch, 2002) Informationen aus dem Inneren unseres Körpers erfahren wir durch:

-

Kinästhetische Wahrnehmung = Bewegungsempfindung durch das kinästhetische Sinnessystem (dadurch nehmen wir Veränderungen der Bewegung wahr)

Das kinästhetische Sinnessystem ist einzigartig, weil es über kein spezielles Organ verfügt. Es beruht auf einem Netzwerk von vielen Teilen, welche die inneren und äußeren Prozesse aufeinander abstimmen und eingliedern. Wir erhalten so zum Beispiel jene Bewegungsinformationen, die notwendig sind, dass wir unser Gleichgewicht halten können. SAB Graz 2002/2003

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Ebenso reguliert und integriert es die Tiefensensibilität. Dadurch erfahren wir auch bei geschlossenen Augen, in welcher Position wir uns gerade befinden. Zum Beispiel ob unser Arm gebeugt oder gestreckt ist. Auch die Orientierung und Eigenwahrnehmung sowie vegetative Prozesse werden durch das kinästhetische Sinnessystem ermöglicht (vgl. Maietta, Hatch, 1993). Die hauptsächlichen Erfahrungen, die ein Mensch im Mutterleib macht, sind Bewegung und Berührung. Dadurch ist das kinästhetische Sinnessystem bei der Geburt am weitesten entwickelt (Jäckle, persönl. Mitteilung, 30.04.2003). Nach der Geburt ist es für die Entwicklung der Sinnesorgane entscheidend, dass das Kind in seiner Bewegung so unterstützt und geführt wird, dass es an ihm vertraute Bewegungsabläufe anknüpfen kann. Ebenso benötigt es gezielte Reize wie zum Beispiel die Stimme und Sprache der Eltern um seinen Gehörsinn zu fördern. Alle menschlichen Sinnes- und Vitalfunktionen werden über Bewegung kontrolliert und gesteuert (Jäckle, persönl. Mitteilung, 30.04.2003). Neugeborene lernen über das Folgen der Bewegungen ihrer Bezugspersonen die eigene Bewegung zu kontrollieren, dadurch entsteht eine wechselseitige Beziehung welche Führen und Folgen ermöglicht (vgl. Grass et al. 1999).

5.1.2 Bewegungselemente

Der zweite Gesichtspunkt, der die Interaktion betrifft, ist die Natur der Bewegung. Das Verständnis darüber hilft uns, weitere Zusammenhänge zu verstehen. Jede menschliche Bewegung besteht aus Raum, Zeit und Kraftaufwendung (Anstrengung). Die Art, wie wir die Bewegung erfahren, ergibt sich aus dem Zusammenspiel dieser drei Anteile. Das heißt: Damit sich das Kind an der Bewegung aktiv beteiligen kann, ist es notwendig, dass die betreuende Person Zeit, Raum und Kraftaufwendung dem Kind anpasst. Dadurch entwickelt das Kind Selbstkontrolle und baut Vertrauen zu sich und zu seiner Umwelt auf (vgl. Maietta, Hatch, 2001).

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5.1.2.1 Raum „Bewegung braucht Raum.“

Der innere Raum ist der Bewegungsspielraum (Platz im Körper), der uns Bewegung ermöglicht. Er wird durch die Gelenke gebildet (vgl. Maietta, Hatch, 2001). Ob der innere Raum groß oder klein ist, hängt von der Beweglichkeit der Gelenke und vom Muskeltonus ab (Jäckle, persönl. Mitteilung, 30.04.2003). Kinder, deren Muskeltonus hypoton ist, können ihren inneren Raum auf Grund ihrer schlaffen Muskulatur nicht selber organisieren. Sie haben im Liegen einen größeren inneren Raum, den sie nicht schützen können. Hier ist es besonders unsere Aufgabe beim Handling und beim Unterstützen der Körperpositionen darauf zu achten, dass wir den inneren Raum nicht überdehnen, um Gelenke, Sehnen und Bänder nicht zu schädigen. Im Sitzen bzw. in aufrechter Körperposition verkleinert sich der innere Raum dieser Kinder. Da sie keine Körperspannung aufbauen können, sacken sie in sich zusammen. Kinder

mit

einem hohen

Muskeltonus

haben

einen

kleinen

inneren

Raum.

Ihre

Bewegungsmöglichkeit ist daher sehr eingeschränkt. Durch ihre ständige Muskelanspannung entwickeln sie Kontrakturen und benötigen spezielle Unterstützung und Therapien (Jäckle, persönl. Mitteilung, 30.04.2003). Wir bauen im Umgang mit Kindern oft zu viel unnötige Körperspannung auf. Folglich verkleinert sich unser innerer Bewegungsraum. Durch diesen unangemessenen Kraftaufwand können wir uns den Bewegungen des Kindes nicht mehr so gut anpassen. Mögliche Folgen bei uns Pflegepersonen sind Verspannungen, Muskelverhärtungen, Sehnenscheidenentzündungen usw. (vgl. Jäckle, 1999). Der äußere Raum ist der Raum in der Umgebung, den wir bei der Durchführung der Bewegung einnehmen (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002).

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5.1.2.2 Zeit „Jede Bewegung benötigt Zeit“

Die innere Zeit ist die Zeit die der Patient für seine eigene Bewegung bzw. seine Bewegungswahrnehmung benötigt (Bayer, persönl. Mitteilung, 17. 09. 2003). Die äußere Zeit ist die Zeit die wir Pflegende einsetzen um den Patienten zu versorgen bzw. ihn zu unterstützen. (Bayer, persönl. Mitteilung, 17. 09. 2003). Wichtig: Je besser die innere mit der äußeren Zeit abgestimmt wird (angepasstes Tempo) desto besser können Patienten reagieren, die Bewegung nachvollziehen sowie Sicherheit und Orientierung erfahren. (Bayer, persönl. Mitteilung, 17. 09. 2003).

5.1.2.3 Anstrengung „Muskelaktivität ist Anstrengung“

Der kinästhetische Begriff Anstrengung bezeichnet die Kräfte, die der Körper aufbringen muss, um sich zu bewegen oder am Platz zu bleiben (vgl. Maietta, Hatch, 2002).

5.1.3 Interaktionsformen

Es gibt davon mindestens drei, die für eine effektive, professionelle Pflege von Bedeutung sind.

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5.1.3.1 Einseitige Interaktion Dies ist Aktion ohne Rücksicht auf die Reaktion des Kindes. Zeit, Raum und Anstrengung beider Personen sind nicht aufeinander abgestimmt (Jäckle, persönl. Mitteilung, 28.04.2003). Um eine einseitige Interaktion handelt es sich beispielsweise, wenn ich bei einem Kind eine Veränderung seiner Körperposition durchführe, ohne es in diesen Prozess einzubeziehen. Notwendig und angebracht ist diese Interaktionsform z.B. bei relaxierten Patienten oder wenn es sich um einen Notfallpatienten handelt. Auch Zeit oder Personalmangel kann uns zu dieser Interaktionsart zwingen. Jedoch sollten wir es der Situation und den Möglichkeiten entsprechend anstreben dem Kind die Möglichkeit anzubieten, sich an der jeweiligen Aktion zu beteiligen.

5.1.3.2 Schrittweise Interaktion Dabei besteht eine zeitliche Lücke zwischen Information und Reaktion der Beteiligten (vgl. Maietta, Hatch, 2002). Ein Beispiel dafür wäre die praktische Anleitung einer Mutter (Schritt für Schritt), beim Wickeln ihres Kindes. Ein schrittweiser Austausch ist häufig mit gleichzeitiggemeinsamen Interaktionen kombiniert (vgl. Maietta, Hatch, 2002).

5.1.3.3 Gleichzeitig gemeinsame Interaktion Aktion und Reaktion geschehen miteinander. Zeit, Raum und Anstrengung beider Personen gleichen sich unmittelbar an die gemeinsame Interaktion an (Jäckle, persönl. Mitteilung, 28.04.2003). Es geht darum, dass wir mit dem Kind etwas gemeinsam machen und seine Fähigkeiten und die Persönlichkeit in das Geschehen einbeziehen. Dadurch geben wir ihm die Gelegenheit, dass es sich aktiv einbringen kann, z.B. beim Stillen (vgl. Sato, Schwabe, 2002). Diese Art der Interaktion entspricht der einfachsten Form des Austauschs. Über Berührung erfolgt ein fast gleichzeitiger Informationsaustausch (vgl. Maietta, Hatch, 2002).

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Selbsterfahrung: (Durchführung zu zweit im Kinästhetikgrundkurs) Bei zusammengeführten Handflächen und geschlossenen Augen habe ich versucht den Bewegungen der Partnerin zu folgen. Durch Druckveränderung in den Handflächen haben wir

uns

im

Wechselspiel

an

die

gegenseitigen

Bewegungen

angepasst.

Durch die eindeutige Berührung und das gegenseitige aufeinander Eingehen war es einfach, den Bewegungen zu folgen. Durch diese wechselseitige Beziehung ist das Führen und Folgen möglich. Auch Neugeborene lernen auf diese Weise ihre Bewegung zu kontrollieren (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002). Das wirksamste Mittel der gleichzeitigen Interaktion ist die Berührung und Bewegung (vgl. Maietta, Hatch, 1993). Alle wichtigen Aktivitäten, wie zum Beispiel Nahrung reichen, Windeln wechseln, Umkleiden, Waschen, Baden, Positionswechsel, usw. können als wechselseitiger Informationsaustausch gestaltet werden (vgl. Wegmann, 1997). Die Interaktionsform richtet sich nach den Fähigkeiten des Kindes:

-

Bleibe aufmerksam

-

Bewege das Kind mit angemessener Kraft

-

Passe das Tempo dem Bedürfnis des Kindes an

-

Berücksichtige den Bewegungsspielraum des Kindes

-

Gestalte die Interaktion gleichzeitig / gemeinsam (vgl. Grass et al. 1999)

„Die Fähigkeit zur gleichzeitigen Interaktion ist das wichtigste Werkzeug in der Pflege“ (Maietta, Hatch, 1993).

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5.2 Konzept der funktionalen Anatomie Hier geht es darum, den Bewegungsapparat in seiner grundsätzlichen Aufgabe für die Bewegung kennen zu lernen. Das Verständnis darüber ist notwendig, damit wir die Bewegungen und Positionsunterstützungen mit unseren kleinen Patienten gezielt durchführen können. Um Patienten fachgerecht in ihrer Bewegung unterstützen zu können, ist es günstig, die körperlichen Erfahrungen vorher selber zu machen.

Ziele:

-

Gewichtsabgabe auf die Unterstützungsfläche ermöglichen

-

Bewegungsfreiheit erhalten

-

Orientierung vermitteln

5.2.1 Knochen und Muskeln

Der Körper des Menschen besteht aus harten und weichen Teilen: Knochen und Muskelgeweben. Dies sind die erfahrbaren Teile unseres Bewegungsapparates, welche als Funktionseinheit mit verteilten Aufgaben arbeiten (vgl. Wegmann, 1997). Die Knochen haben die Aufgabe, Gewicht zu tragen. Im Gegensatz dazu sind die Muskeln dafür verantwortlich, die Knochen in die entsprechende Position zu bewegen, damit das Gewicht an die Unterstützungsfläche abgegeben werden kann. Durch Abgeben von Gewicht erleben wir uns selbst als schwerelos. Wenn unser Körpergewicht auf den Muskeln lastet, sind diese damit beschäftigt, das Gewicht zu halten. Dadurch sind sie in ihrer Rolle eingeschränkt und können so die Knochen nicht in die entsprechende Lage zur Gewichtsabgabe bringen (vgl. Hatch, Maietta, 2002).

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Selbsterfahrung: Ich setze mich so auf einen Sessel,

zum Beispiel einnehmen, um meine

dass ich keinen Kontakt zum Boden

Bauchmuskulatur zu trainieren, aber

habe, das Körpergewicht ist nach

bestimmt

hinten verlagert und die Arme halte

entspannen möchte, oder, wenn ich

ich körperfern. Bereits nach kurzer

krank bin.

Zeit

wird

es

unbequem. Meine

anstrengend

nicht,

wenn

ich

mich

und

Muskeln müssen

das Gewicht meines Oberkörpers und der Beine tragen, weil ich dem Körper keine Unterstützungsfläche anbiete, um das Gewicht über die Knochen ( vgl. Hatch et al. 1994)

abzugeben. Diese Haltung würde ich

Unterschiede beim Kind hinsichtlich der Bewegung im Vergleich zum Erwachsenen sind:

-

Größe

-

Proportionen

-

Gewicht

-

Gewichtsverteilung im Körper

-

Reifegrad der Knochen

-

Fähigkeit zur selbstständigen Bewegungskontrolle (vgl. Wegmann 1997)

Es ist wichtig, dass wir diese Aspekte bei der Betreuung von Kindern in Betracht ziehen. Beispiel zum Unterschied der Proportionen: Im Vergleich zum übrigen Körper hat das Kind sehr kurze Extremitäten. Wenn das Kind flach am Rücken liegt und keine Positionsunterstützung erhält, erreichen die Extremitäten die Unterlage kaum. So muss es sehr viel Anstrengung aufbringen, um das Gewicht der Extremitäten zu halten. Durch einfache Hilfsmittel können wir dem Kind Entlastung anbieten, sodass es das Gewicht der Extremitäten auf die Unterstützungsfläche abgeben kann. Dadurch kann es sich entspannen, besser atmen und seine Energie zum Gedeihen nützen (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002). SAB Graz 2002/2003

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5.2.2 Massen und Zwischenräume

Abb. 1

Dieses Konzept beschreibt, wo im menschlichen Körper Gewicht ist und wie dieses Gewicht einfach bewegt werden kann (vgl. Jäckle, 2001). Im kinästhetischen Fachwortschatz werden die harten Bereiche als Massen (z.B. Kopf) und die weichen

(z.B. Hals) als Zwischenräume bezeichnet. Beide Bereiche haben verschiedene

Aufgaben und arbeiten als Funktionseinheit zusammen (vgl. Wegmann 1997).

5.2.2.1 Massen Unser Hauptgewicht ist auf sieben Teile, die so genannten Massen aufgeteilt (siehe Abb. 1). Dazu zählen Kopf, Brustkorb, Becken und die vier Extremitäten. Sie fühlen sich hart und stabil an und geben Gewicht ab. Damit wir den Körper ohne Muskelanspannung stabil in einer Position halten können, muss unser Gewicht über die knöcherne Struktur an eine feste Unterlage abgegeben werden. Je größer diese Kontaktfläche ist, umso weniger Körperspannung und Kontrolle benötigen wir (vgl. Jäckle, 1999).

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Beispiel: Ich sitze auf einem Sessel mit Armlehnen. Das Gewicht von Kopf, Brustkorb und Becken wird gestapelt und auf die Sitzfläche abgegeben. Das Gewicht der Beine gebe ich auf den Boden ab und das Gewicht der Arme gebe ich an die Armlehnen ab.

5.2.2.2 Zwischenräume Zwischen den einzelnen Massen befinden sich sechs bewegliche Zwischenräume (siehe Abb. 1). Dies sind Hals, beide Schultergelenke, Taille und zwei Hüftgelenke. Sie bestehen aus einem großen Anteil an Muskeln und Gelenken und sind weich, instabil und verbinden die Massen. Diese Zwischenräume machen es möglich, dass wir unsere Massen einzeln und nacheinander bewegen können. Zum Beispiel wird das Drehen des Kopfes (Masse) durch den Hals (Zwischenraum)

ermöglicht.

Wenn

wir

diese

Zwischenräume

blockieren,

ist

die

Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Beispielhaft ist dafür das parallele Hochnehmen der Kinder mit dem Griff unter der Achsel (vgl. Wegmann, 1997).

Grundsatz: „Die Massen fassen, die Zwischenräume spielen lassen“ (Maietta, Hatch, 1993)

Es geht darum, dass wir bei einer Positionsveränderung das Kind eindeutig an der jeweiligen Masse berühren und bewegen, ohne die Zwischenräume einzuschränken.

5.2.3 Orientierung

Das kinästhetische Konzept Orientierung befasst sich mit dem Gewichtsverlauf im Körper, mit oben und unten im Körper, sowie mit Qualität und Funktion von Vorder- und Rückseiten (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002). SAB Graz 2002/2003

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5.2.3.1 Das Kind braucht Orientierung Damit wir dem Kind Orientierung und Wahrnehmung sowie Körperkontrolle vermitteln können, benötigt es sehr klare Bewegungsanleitungen (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002).

5.2.3.2 Orientierung im Körper

-

Oben im Körper ist Richtung Kopf

-

Unten zeigt Richtung Füße

-

Die funktionale Mitte ist in Höhe der Hüftgelenke. Dort findet Bewegung statt. Hier werden die oberen und unteren Massen im Gleichgewicht gehalten. Im Gegensatz dazu steht die Mitte der Körperlänge (vgl. Maietta, Hatsch, 2001). Beispiel: Wenn wir nachvollziehen, wie wir uns selber hinlegen, so wird es leicht verständlich, dass es auch beim Kind nicht der natürlichen Bewegung entspricht, wenn es mit dem Kopf zuerst ins Bett gelegt wird. Diese starken vestibulären Reize überfordern das Kind. Es erhält das Gefühl kopfüber zu fallen und spannt reflexbedingt die Muskeln an. Häufig sind diese Kinder dann sehr unruhig (vgl. Wegmann, 1997).

5.2.3.3 Vorder- und Rückseite

„Entsprechend dem Muskelverlauf wird in der Kinästhetik eine funktionelle Vorderund Rückseite unterschieden“ (Grass, 1999).

Abb. 2

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Zu

Beginn

war

diese

Art

der

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Einteilung für mich etwas verwirrend und

gewöhnungsbedürftig. Doch durch Erläuterung der Trainerin und durch Selbsterfahrung habe ich Klarheit über diese zwei funktionellen Seiten erfahren. Dieses Verständnis hilft mir, Kinder in ihrer Position gezielt unterstützen zu können. Die funktionelle Vorderseite (siehe Abb. 2) Sie ist im Vergleich zur Rückseite sensibler, weicher, beweglicher und anpassungsfähiger. Dort befinden sich die Beugemuskeln (wie z.B. an der Innenseite des Armes) und die meisten Sinnesorgane, wie z.B. Augen, Nase, Mund, Ohren (vgl. Grass, 1999). Beispiel: Wenn wir entspannt auf jemanden zugehen, oder wenn wir jemanden umarmen, dann öffnen wir unsere funktionelle Vorderseite. Es gibt aber viele Situationen, wo es nicht als angenehm empfunden wird, die Vorderseite zu öffnen (z.B. in Rückenlage unbedeckt auf einer Untersuchungsliege). Aufgaben der funktionellen Vorderseite:

-

Spannungsaufbau

-

Gewicht verlagern

-

den Körper in Bewegung bringen (Bayer, persönl. Mitteilung, 17.09.2003)

Im Gegensatz zu den Früh- und Neugeborenen haben wir die Möglichkeit, unsere Vorderseite zu schützen. Wir können uns zudecken, umdrehen, usw. Bei den uns anvertrauten Patienten ist es wieder unsere Aufgabe, auf den Schutz von deren sensibler Vorderseite zu achten. Die funktionelle Rückseite (siehe Abb. 2) Hier sind die Knochen näher an der Oberfläche, wie z.B. an der Außenseite von Ober- und Unterarm. Dort befinden sich auch die Streckmuskeln. Diese halten die Knochen so in Beziehung, damit das Körpergewicht über die Rückseite mit wenig Anstrengung an die Unterstützungsfläche abgegeben werden kann (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002). Aufgaben der funktionellen Rückseite:

-

Gewicht tragen und zur Unterstützungsfläche weitergeben

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Wir können Anstrengung reduzieren, wenn wir die Bewegung so organisieren, dass das Gewicht auf die Unterstützungsfläche abgegeben wird (Bayer, persönl. Mitteilung, 17.09.2003). Selbsterfahrung: (im Kinästhetikworkshop in Zürich) In liegender Position wurden meine Beine mit der weichen Vorderseite (Unterseite von Ober und Unterschenkel) auf der Unterstützungsfläche abgelegt. Diese Art der Unterstützung war unbequem, da ich Druckanstrengung im Becken und Kreuzbeinbereich verspürte. Das Gewicht meiner Beine konnte durch diese Lage nicht optimal an die Unterstützungsfläche abgegeben werden (siehe Abb. 3 rechtes Bein). Positionsänderung: Meine

Beine

wurden

in

der

Position so unterstützt, dass die Rückseite (Außenseite von Oberund Unterschenkel) das Gewicht auf

die

Unterstützungsfläche

abgeben konnte. In dieser Position fühlte ich mich schwerelos und konnte mich entspannen (siehe Abb. 3 linkes Bein).

Abb. 3

Die funktionelle Rückseite setzen wir auch ein, wenn wir in Abwehrposition gehen. Wenn Gefahr droht, halten wir unsere Arme mit der Seite, wo die Kochen näher an der Oberfläche sind, vor unseren Körper (Rückseite) oder wir setzen die Ellenbogen ein (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002).

5.2.3.4 Stimulation der Vorder- und Rückseite bei Alltagshandlungen Um das Aufrichten des Körpers, bzw. dessen Streckung zu unterstützen, wird in der Kinästhetik die Vorderseite durch Streichen von unten nach oben und die Rückseite von oben nach unten stimuliert. Um Beugung zu erreichen, erfolgt die Stimulation in entgegengesetzter Richtung (vgl. Grass, 1999). Diese gezielte Stimulation kann Aktivitäten, wie z.B. das An- und Ausziehen für das Kind angenehmer und nachvollziehbarer werden lassen. Wenn wir das Handling so gestalten, dass sich das Kind entsprechend seiner eigenen Körperorientierung bewegen kann, so hat es die SAB Graz 2002/2003

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Möglichkeit, ein gutes Körperschema zu entwickeln. Dadurch erhält es auch eine Grundlage für weitergehende räumliche Erfahrungen (vgl. Grass, 1999).

5.3 Menschliche Bewegung

5.3.1 Haltungs- und Transportbewegungen In der Kinästhetik wird zwischen diesen zwei Bewegungsarten unterschieden. Damit wir uns in aufrechter Position halten können, ist eine besondere Stabilität notwendig = Haltungsbewegung. Gleichzeitig benötigen wir auch eine gewisse Instabilität, damit wir uns in verschiedene Richtungen bewegen können =Transportbewegung. Jede Bewegung besteht aus Haltungsbewegungs- und Transportbewegungsanteilen. Die Art der Kombination von Haltungs- und Transportbewegung ergibt ein Bewegungsmuster (vgl. Grass et al. 1999).

5.3.1.1 Haltungsbewegung Diese Bewegung ist eine kleine Beuge- Streckbewegung (z.B. im Kniegelenk) sie verbindet Massen miteinander. Dies ermöglicht Spannungsaufbau für Bewegung, gibt uns Stabilität und läßt uns unseren Körper als ganzes wahrnehmen. Wenn wir beispielsweise mit der Fußsohle auf den Boden drücken wird im ganzen Körper Spannung aufgebaut (Bayer, persönl. Mitteilung, 17.09.2003). Beispiele für Haltungsbewegung: wiegen, schaukeln, trinken

5.3.1.2 Transportbewegung Das Gewicht einzelner Massen oder Körperteile kann in viele verschiedene Richtungen bewegt werden. Ein Gelenk für Transportbewegung ist z.B. das Hüftgelenk (vgl. Grass, 1999). Alle Zwischenräume ermöglichen Transportbewegung (Bayer, persönl. Mitteilung, 17.09.2003). Beispiel für Transportbewegung: kreisende Bewegung des Beckens ( siehe Seite 23) SAB Graz 2002/2003

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5.3.2 Parallele- und spiralige Bewegungsmuster 5.3.2.1 Parallele Bewegungen

Bei Parallelbewegungen wird das Gewicht über einer Achse vorwiegend nach vorne und hinten oder nach oben und unten verlagert. Diese Bewegungsmuster haben kurze Wege und nehmen wenig Raum ein. Sie benötigen daher höhere Bewegungskontrolle und mehr Muskelkraft (vgl. Wegmann, 1997). Selbsterfahrung: (im Kinästhetikgrundkurs) Beim geraden Aufsitzen aus der Rückenlage verlagerte sich mein Gewicht beiderseits der Körperachse. Für diese Bewegung benötigte ich viel Kraft der Bauchmuskulatur und wenig äußeren Raum. Erwachsene wechseln ihre Positionen hauptsächlich durch parallele Muster. Säuglinge haben noch nicht die Fähigkeit, parallele Bewegungen durchzuführen (vgl. Wegmann, 1997).

5.3.2.2 Spiralige Bewegungen

Dabei erfolgt die Gewichtsverlagerung und Verteilung über viele Achsen. Durch die zusätzlichen Drehbewegungen wird das Gewicht über Knochen und Rückseiten von einer Masse zur nächsten geleitet. Die Anstrengung wird durch die Gewichtsverteilung auf einen größeren äußeren Raum über einen längeren Weg stark reduziert (vgl. Grass et al. 1999).

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Spiralige Bewegungen entstehen entweder durch Drehen / Strecken, oder durch Drehen / Beugen einzelner Körperteile. Kinder bewegen sich bereits im Mutterleib durch Druck gegen die Gebärmutterwand in einem spiralförmigen Bewegungsmuster (vgl. Maietta, Hatch, 1993) Selbsterfahrung: (im Kinästhetikgrundkurs) Beim Aufsitzen über die rechte Seite aus der Rückenlage bewegte ich Kopf und Brustkorb nacheinander auf die rechte Seite. Anschließend kam ich durch eine spiralförmige Drehung und Streckung in die Sitzposition. Mein Gewicht von Kopf und Brustkorb wurde dabei so verlagert, dass ich es nicht heben musste. Als Unterstützung benutzte ich meine Arme. Zur Durchführung dieser Bewegung benötigte ich wesentlich mehr Raum und einen längeren Weg, dafür aber weniger Kraft, als beim Aufsitzen in paralleler Bewegung. Wichtig: Im Umgang mit den Kindern sollten wir auf deren Bewegungssignale achten und darauf bedacht sein, tägliche Aktivitäten in spiralförmiger Unterstützung zu gestalten (vgl. Wegmann, 1997). Beispiel: Wenn das Kind den Kopf zur Seite bewegt, so nehme ich diese angebotene Richtung des Kindes wahr und unterstütze es an seinen Massen, um es in die Seitenlage zum Wickeln zu bringen (siehe Abb. 4 - 7).

Abb. 4

Abb. 5

Abb. 6

Abb. 7

Positive Auswirkungen von Bewegung auf Koliken und „Spucken“: Der Bewegungsmangel und unkontrolliert erhöhte Körperspannung der Kinder in den ersten drei Monaten ist eine mögliche Ursache von Koliken in dieser Zeit. Durch kreisende Bewegungen des Beckens (siehe Abb. 8 und 9) ergibt sich eine aktive Drehbewegung in der Taille, wodurch die Darmperistaltik mobilisiert wird: Dadurch kann Luft entweichen und Koliken sowie Stuhlgangprobleme nehmen ab (vgl. Jäckle, 1999).

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Abb. 8

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Abb. 9

Aus der Praxis: Ich habe diese Übungen mit den Frühchen bereits mehrmals durchgeführt. Die Kinder scheinen diese Bewegungen zu genießen und meistens können sich dabei auch unruhige Kinder beruhigen und entspannen (siehe Abb. 8 u. 9).

5.4 Konzept der Anstrengung (Begriffserklärung siehe Punkt 5.1.2.3.) 5.4.1 Zug und Druck

-

Beim Ziehen wird die Anstrengung (Gewicht und Kraft) vom Kontaktpunkt der Teilnehmer wegbewegt.

-

Das Drücken leitet die Anstrengung in Richtung Kontaktpunkt (vgl. Maietta, Hatch, 2002).

-

Die Arme eignen sich besonders gut für Zug

-

Die Beine können besser drücken

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Wichtig für die Pflege: Bereits kleinste Babys führen Kraftanstrengungen aus. Mit ihren kurzen Armen und Beinen drücken und ziehen sie (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002). Ich nutze und integriere dies, um sie beim Positionswechsel zu unterstützen (siehe Abb. 10 u. 11).

Abb. 10

Abb. 11

Drückende und ziehende Bewegungen sollten wir so ausführen, dass dabei die Fähigkeiten des Kindes einbezogen und ihm angepasst werden können. Wenn unsere Impulse bzw. Anstrengungen zu gering oder zu groß sind, kann das Kind nicht verstehen, wie es sich an der Bewegung beteiligen kann (vgl. Maietta, Hatch, 2002). Durch gut abgestimmtes Angebot von Zug und Druck wird das Kind in seiner Bewegung so unterstützt, dass Bewegung mit angemessener Anstrengung und Muskelspannung möglich wird (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002). Wenn wir Kinder z.B. bei Untersuchungen halten bringen wir Druck und somit Gewicht auf das Kind. Es ist wichtig, dass wir uns dies bewusst machen, sensibel dafür werden und den Druck dem Kind entsprechend abstimmen (Bayer, persönl. Mitteilung, 17.09.2003). Wichtig: Die Knochen benötigen eine angemessene Belastung, damit die für die Festigkeit, Knochendichte und Knochenwachstum nötigen Mineralien eingebaut werden können. Durch angemessenen Druck und Zug der sowohl beim Handling als auch durch entsprechende Umgebungsgestaltung angeboten werden kann, wird die Mineralisierung bzw. Remineralisierung der Knochen unterstützt (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002).

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5.5 Konzept der menschlichen Funktion 5.5.1 Einfache menschliche Funktionen

5.5.1.1 Positionen Eine Position ist durch die Organisation des Gewichts definiert. Sie beschreibt eine Gewichtsabgabe an die Unterstützungsfläche. Die einfachste Funktion, die wir ausführen können, ist das Halten oder Bleiben in einer Position (Jäckle, persönl. Mitteilung, 28.04.2003). 5.5.1.2 Grundpositionen In der Kinästhetik werden sieben Grundpositionen, je nach Organisation der Massen unterschieden. Diese ermöglichen es das Gewicht leicht und zielführend auf die Unterstützungsfläche abzugeben (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002).

-

Rückenlage

-

Bauchlage

-

Sitzen

-

Vierfüßlerstand (Kriechposition)

-

Einbein Kniestand

-

Stehen mit dem Gewicht auf einem Bein

-

Stehen auf beiden Beinen

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Kinder brauchen sehr viel Übung bis sie gelernt haben, diese Positionen zu halten und sich zwischen ihnen zu bewegen. Je weiter sich der Mensch in der jeweiligen Grundposition der aufrechten Haltung nähert, desto mehr Fähigkeiten sind dazu notwendig (vgl. Maietta, Hatch, 1997). Für die Entwicklung der Bewegung und Orientierung ist es für Kinder von großem Vorteil, wenn wir sie bei Positionsveränderungen einbeziehen. Zum Beispiel beim Hochnehmen: Wir unterstützen ihre Bewegung und Orientierung indem wir sie spiralförmig von einer Grundposition zur nächsten führen, bis wir sie in aufrechter Haltung in den Arm nehmen können (siehe Abb. 12 - 15). Dadurch ermöglichen wir ihnen, ihr Gewicht gegen die Schwerkraft zu organisieren und ihre Muskeln zur Bewegungsanpassung zu nutzen (Jäckle, persönl. Mitteilung, 28.04.2003).

Abb. 12

Abb. 13

Abb. 14

Abb. 15

Die Selbsterfahrung hat mir die einzelnen Schritte der Grundpositionen wieder näher gebracht. Dadurch fällt es mir leichter, die Kinder gezielt zu unterstützen.

5.5.2 Komplexe menschliche Funktionen

Bei allen Aktivitäten, die wir in einer bestimmten Position durchführen, handelt es sich um komplexe Funktionen. Dabei führt unser Körper die einfache Funktion durch. Das ist das Verbleiben in einer Position. Durch das, was wir dann noch zusätzlich machen, ergibt sich die komplexe Funktion (vgl. Maietta, Hatch, 2002). Beispiel: Wenn ich am Tisch sitze und aus einem Glas Wasser trinke, wird dies als Bewegung am Ort bezeichnet. Sobald unser Körpergewicht verlagert wird, z.B. beim Krabbeln, Aufstehen, Gehen,... so spricht man von Fortbewegung (vgl. Maietta, Hatch, 2002). SAB Graz 2002/2003

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5.5.2.1 Bewegung am Ort Die Aktivitäten am Ort wie z.B. Stillen, Ernährung mit der Flasche verabreichen, schlafen usw. können wir unterstützen, indem wir das Kind in eine Position bringen, die den physiologischen Gegebenheiten entspricht. Beispielsweise helfen entsprechende Stillpositionen dem Kind dabei, besser an der Brust zu trinken (Maietta, ohne Jahreszahl).

5.5.2.2 Fortbewegung Es gibt zwei Arten: Gehen und Springen Beim Gehen bleibt das Gewicht immer an der Unterstützungsfläche. Das Gewicht wird von einer Körpermasse auf eine andere verlagert. Dadurch kann die von Gewicht freie Masse bewegt werden, wie z.B. beim Gehen. Beim Transfer der Kinder vom Bett auf den Wickeltisch wird durch diese Art der Bewegungsunterstützung, wie bereits erwähnt, die Wahrnehmung und Entwicklung gefördert. Es führt auch dazu, dass die betreuende Person dem Kind mehr Aufmerksamkeit widmet und ihm Sicherheit vermittelt (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002). Die andere Form der Fortbewegung ist das Springen oder Hüpfen. Diese Art des Transfers erfahren Kinder häufig, wenn sie hoch gehoben werden. Dabei wird das ganze Gewicht von der Unterstützungsfläche abgehoben. Nach einem kurzen „Flug“ kommen die Kinder dann ohne Orientierung am Bestimmungsort an. Diese Art der Fortbewegung ist für Kinder nicht nachvollziehbar. Sie wirken dabei oft sehr hilflos und werden unruhig. Ihre Körperspannung steigt und das Auslösen vom Moro-Reflex ist häufig zu beobachten (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002).

5.6 Umgebungsgestaltung

Ein Früh- und Neugeborenes benötigt eine Umgebung, die ihm hilft, seinen Körper zu spüren, zu bewegen und die es ihm ermöglicht, sein Gewicht entspannt abzugeben (vgl. Jäckle, 2001). Im Mutterleib hat es diese Erfahrungen bereits gemacht. Wenn das Kind auf der Welt ist sind wir dazu aufgerufen, unser Fachwissen mit Kreativität zu verbinden, um dem Kind eine Umgebung anzubieten, in der es sich wohl fühlt und sich weiterentwickeln kann. Wenn dem Kind Bekanntes SAB Graz 2002/2003

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aus seiner intrauterinen Erfahrung angeboten wird, erfährt es Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit. Ebenso kann es sich entspannen und zur Ruhe kommen. Umgebung des Neugeborenen sind nicht nur sein Bett, Maxi-Cosi und Kinderwagen, sondern auch Eltern und Pflegepersonen, von denen das Kind gepflegt, gehalten und getragen wird. Das Kind braucht Begrenzungen sowie feste Kontaktflächen, Möglichkeiten, sich anzulehnen und Gewicht abzugeben. Durch das Spüren und Mitgehen mit den Bewegungen der Erwachsenen erfährt das Kind sein eigenes Gewicht, seine Bewegungsmöglichkeiten und Körperorientierung (vgl. Jäckle, 1999). Um die Umgebung des Kindes entsprechend zu gestalten, eignen sich verschiedene Hilfsmittel, wie z.B. einfache Baumwollwindeln, Badehandtücher sowie diverse „Lagerungskissen“.

Grundsatz: Wie man sich bettet so liegt man. Wie man in seiner Position unterstützt wird, so fühlt man sich. (Jäckle, 2003)

6 Positionsunterstützungen 6.1 Unterschied zwischen Lagerung und Positionsunterstützung: Unter Lagern verstehen die meisten Personen, etwas an einen Ort bringen, in der Erwartung, es verbleibt dort, bis wir es wieder wegbewegen (z.B. Kartoffelsäcke). Kinästhetiktrainer bevorzugen den Begriff „Positionsunterstützung“ damit klar wird, die Person soll in ihrer Position unterstützt werden mit dem Ziel, sich mit Hilfe der Umgebungsgestaltung selber

in dieser Position zu bewegen und diese verändern zu können (Jäckle, persönl.

Mitteilung, 28.04.2003).

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6.2 Wichtige Punkte zur Positionsunterstützung Zu langes Verweilen in derselben Position oder Weichlagerung z.B. durch ein Wasserkissen sollte vermieden werden. Weil dem Menschen dadurch das sensorisch-motorische Feed-back entzogen wird: Das heißt, er verliert sein Körpergefühl und spürt seine Körpergrenzen nicht mehr (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002). Wenn aufgrund der Erkrankung eines Kindes kein großer Positionswechsel möglich ist, so können wir ihm durch minimale Veränderung der Lage eine Erleichterung anbieten. Dies hat eine positive Auswirkung auf die Gewichts- und Druckverteilung, sowie auf die Muskelspannung (Jäckle, persönl. Mitteilung, 16.07.2002).

6.3 Checkliste zur Positionsunterstützung •

Wo ist der Schwerpunkt, das Hauptgewicht des Kindes? (Wo viel Gewicht ist, ist wenig Bewegung möglich)



Wie ist die Körperspannung - wohin fließt das Gewicht? (Spannung bedeutet Zug, dadurch wird das Körpergewicht nicht an die Unterstützungsfäche abgegeben, sondern zum Körper des Kindes geleitet, wodurch Muskelanstrengung entsteht. Mögliche Folgen von permanenter Anspannung sind z.B. Beeinträchtigung der Atmung, verringerte Darmperistaltik, Blähungen, Kontrakturen usw.)



Kann das Kind die Zwischenrippenmuskulatur bewegen? (Nicht möglich bei Überstreckung und extremer Schulterrolle)



Wo braucht das Kind Unterstützung, um sein Gewicht loslassen zu können? (z. B. - Unterschenkel und Unterarme unterstützen - Bauchseitenlage oder Rückenlage: Vorder- und / oder Rückseite unterstützen.)



Kopfposition: achsengerecht in Mittelstellung, Kinnspitze nicht in Richtung Brustbein, sonst werden möglicherweise Trachea und Blutgefäße eingeengt.



Das „Lagerungsmaterial“ darf nicht zu weich sein, da das Kind sonst einsinkt und sein Gewicht nur punktuell auf die Unterstützungsfläche abgeben kann. An diesen Punkten entsteht erhöhter Druck und damit eine erhöhte Dekubitusgefahr. Ebenso geht das Körpergefühl verloren. Je schwerer das Kind ist, desto fester sollte die Unterlage sein.



Nase und Mund müssen immer frei sein! (vgl. Jäckle, 2003)

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6.4 Vorschläge für Positionsunterstützungen Hier führe ich erprobte Vorschläge für Positionsunterstützungen an, welche mir von den Kinästhetiktrainerinnen Frau Jäckle (Olgaspital, Stuttgart) und Frau Knöpfli (Univ.-Spital Zürich) vermittelt wurden. Ich durfte dafür ihre Kinästhetikunterlagen, die sie für die jeweiligen Neonatologiezentren wo sie tätig sind erstellt haben, verwenden.

6.4.1 Oberkörperhochlagerung Im Gegensatz zur Schrägstellung des Pflegebettes sowie der Inkubatorliegefläche empfehlen Kinästhetikexperten die Oberkörperhochlagerung in drei Stufen zu gestalten. Dabei bleibt die Liegefläche waagrecht gestellt. Die Erhöhung betrifft nur den Oberkörper. Wenn die ganze Liegefläche schräg gestellt wird, zieht die Schwerkraft das Gewicht nach unten und das Kind muss Anstrengung aufbringen, um diese Lage beizubehalten. Ich habe diese Erfahrung auf einer schrägen Liegefläche im Schwimmbad gemacht. Durch das Gefühl nach unten abzurutschen, verspürte ich Anspannung der Muskeln und konnte mich nicht entspannen. Dem

Abrutschen

entgegengewirkt.

der

Kinder

Durch

dieses

wird

durch

Stoppen

Lagerungshilfsmittel von

unten

werden

wie

z.B.

„Kipferl“

die

Zwischenräume

zusammengedrückt. Dies wirkt sich wiederum negativ auf den inneren Raum aus. Dadurch wird die Bewegung eingeschränkt, was beispielsweise die Atmung erschwert. Derzeit wird im Universitätsspital in Zürich eine Vergleichsstudie an Frühgeborenen mit der 15% Schräglagerung, der Flachlagerung und der Drei - Stufen - Oberkörperhochlagerung durchgeführt.

6.4.1.1 Gestaltung der Drei - Stufen - Oberkörperhochlagerung Materialvorschlag:

-

Baumwollwindeln

-

Badehandtuch

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Durchführung: (siehe Abb. 16 - 18)

-

Die Liegefläche waagrecht stellen

-

Die Baumwollwindel wird so zusammengefaltet, dass drei Stufen entstehen. Dabei ist zu achten, dass der mittlere Teil der Thoraxhöhe (von der Schulter bis Ende der Rippen) entspricht.

-

Zum Ausgleich der Stufenübergänge kann eine zur Hälfte gefaltete Baumwollwindel darüber gelegt werden oder man dreht die in Stufen gefaltete Baumwollwindel um.

-

Das Kind wird nun so auf diese Unterlage gelegt, dass die Stufe jeweils mit Beginn der Zwischenräume (Hals, Ende der Rippenbögen und Becken) übereinstimmen.

Abb. 16

-

Abb. 17

Abb. 18

Die Gewichtsabgabe der Extremitäten kann z.B. durch seitliches Einschlagen eines Badehandtuchs, durch gefaltete Baumwollwindeln oder durch ein „Kipferl“ erfolgen. Je nach Erfordernis kann die Oberkörperhochlagerung in verschiedenen Höhen und Varianten gestaltet werden.

Durch diese Umgebungsgestaltung kann das Kind das Gewicht seiner einzelnen Massen gerade zur Unterstützungsfläche abgeben, so können sich die Muskeln entspannen. Die Position des Kopfes ist höher als der Brustkorb, der Brustkorb höher als das Becken. Die Zwischenräume sind frei für Bewegung und Atmung (Jäckle, persönl. Mitteilung, 28.04.2003). Indikationen:

-

Reflux

-

Atemprobleme

-

Zum allgemeinen Wohlbefinden

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6.4.2 Vorschläge für Positionsunterstützung beim Verabreichen der Nahrung Aus kinästhetischer Sicht ist das Trinken eine Ganzkörperaktivität. Ungeeignete Positionen wirken sich bei Frühgeborenen belastend auf den ganzen Körper aus. Sie haben wenig Ressourcen ungünstige Haltungen zu kompensieren. Mögliche Reaktionen, die daraus resultieren, äußern sich in Unlust beim Trinken, Koordinationsproblemen, Verschlucken, usw. Die Nahrungsaufnahme hat auch eine sinnliche, lustvolle Komponente. Diese können wir durch das Schaffen einer entspannten Atmosphäre positiv beeinflussen. 6.4.2.1 Nahrungsverabreichung am Schoß der Pflegeperson (siehe Abb. 19 - 21)

-

Die Dreieckswindel dient dazu, dass das Kind seine Arme nach vorne bringen und das Gewicht abgeben kann. Das Kind kann nun mit seinen Händen die Flasche erreichen. Diese Haltung unterstützt die Brustkorbbewegungen. Dadurch kann das Kind besser saugen, schlucken und atmen.

-

Mit der Querwindel im Schulterbereich wird das Aufrichten des Thorax unterstützt und die Atmung erleichtert.

-

Die Oberschenkel werden seitlich unterstützt, damit das Gewicht der Beine an die Unterlage abgegeben werden kann und nicht von den Bauchmuskeln getragen werden muss.

-

Die Füße können entweder am Bauch der Pflegeperson oder durch ein „Lagerungshilfsmittel“ eine Grenze spüren. Hier hat das Kind die Möglichkeit, sich abzustützen, kann seinen Brustkorb strecken und seine Atmung wird erleichtert.

-

Der Kopf in Mittelstellung entspricht der physiologischen Haltung bei der Nahrungsaufnahme. Um saugen, schlucken und atmen zu können ist es wichtig, dass das Kind die Möglichkeit hat, seinen Kopf zu bewegen.

Abb. 21 Abb. 19 SAB Graz 2002/2003

Abb. 20 Seite - 32 -

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6.4.2.2 Nahrung reichen am Arm der Pflegeperson (siehe Abb. 22 u. 23)

-

Das Kind wird in eine zu einem Dreieck gefaltete Baumwollwindel eingewickelt. Hände frei! (Zweck siehe vorher).

-

Im Schulterbereich kann wieder zusätzlich eine gefaltete Baumwollwindel unterstützend dienen (Zweck siehe vorher).

-

Die betreuende Person stellt den Fuß auf der Seite, wo sie das Kind im Arm hält auf einen Schemel. Das Kind „sitzt“ auf dem erhöhten Bein.

-

Um die Atmung und den Schluckvorgang zu erleichtern ist es vorteilhaft, die Sitzbeinhöcker des Kindes mit einer gefalteten Baumwollwindel zu unterstützen (siehe Abb.22). Dadurch wird das Becken nach vorne gekippt

und der Brustkorb

aufgerichtet. Durch die aufgerichtete Haltung des Kindes bewirkt die Schwerkraft, dass das Kind wenig Muskelanstrengung für den Schluckvorgang aufbringen muss und einem möglichen Reflux entgegengewirkt wird. Das Kind kann aktiver und koordinierter saugen und die Peristaltik wird erleichtert.

-

Zur Entspannung der Bauchmuskulatur, ist es günstig, dem Kind eine Möglichkeit anzubieten, wo es sich mit den Füßen abstützen kann. Dazu können die Beine des Kindes entweder eine Begrenzung auf dem Oberschenkel der betreuenden Pflegeperson finden oder es kann ein „Lagerungshilfsmittel“ dazu dienen.

Abb. 22

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Abb. 23

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6.4.2.3 Anbahnung der oralen Ernährung im Inkubator (siehe Abb. 24 - 26) •

Mit Wattestäbchen, Pipette oder Frühgeburtensauger



Die Vorbereitungsmöglichkeiten sind ähnlich wie vorher beschrieben.

Abb. 26

Abb. 24 Abb. 25

6.5 Umgebungsunterstützung in Rücken-Seitenlage (Siehe Abb. 27 - 32) Vorteile:

-

Thorax- Beckenzwischenraum ist beweglich

-

Das Kind kann seine Hände zusammenführen und zum Mund bringen.

-

Das Gewicht wird größtenteils auf einer Seite über Kopf, Brustkorb und Becken abgegeben.

-

Der obere Lungenabschnitt ist besser belüftet und der Thorax ist in diesem Bereich beweglicher. Wichtig zu beachten:

-

Die Unterstützung von Kopf und Brustkorb sollte so gestaltet werden, dass der Hals und das Schultergelenk frei bleiben und dem Kind somit Bewegung ermöglicht wird.

-

Das oben liegende Bein benötigt eine Unterstützung, damit es sich entspannen kann und nicht durch Muskelanstrengung gehalten werden muss.

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Abb. 27

Abb. 28

Abb. 29

Abb. 30

Abb. 31

Abb. 32

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6.6 Umgebungsunterstützung in Bauch-Seitenlage: (Siehe Abb. 33 - 38) Vorteile:

-

Durch entsprechende Positionsunterstützung (siehe Abb. 33 – 38) wird das Gewicht über eine Seite zur Unterstützungsfläche geleitet, dadurch ist der Brustkorb freier und die Atmung wird erleichtert. Ebenso kommt das Kind auf der entlasteten Seite besser in die Beugung und kann so seine Hand zum Mund führen und die Schultern kommen nach vorne.

-

Die Lunge ist in Bauchlage am besten durchblutet und belüftet. Daher sind Kinder in dieser Position oft stabiler, haben weniger Apnoen und einen geringeren Sauerstoffbedarf.

-

Die Entleerung des Magens erfolgt rascher als in anderen Lagen. Wichtig zu beachten:

-

Kopfposition möglichst achsengerecht in Mittelstellung damit Trachea und Blutgefäße nicht eingeengt werden.

-

Der Kopf sollte so unterstützt sein, dass er weder zu stark nach vorne gebeugt noch nach hinten überstreckt ist. Bei Früh- und Neugeborenen ist der Kopf im Vergleich zum übrigen Körper groß und schwer und die Streckmuskulatur ist gegenüber der Beugemuskulatur vorherrschend. Deshalb ist es bei diesen Kinder öfters zu beobachten dass der Kopf nach hinten fällt wenn sie sich strecken. Wenn die Unterlage welche den Kopf unterstützt (vom Gesicht des Kindes aus gesehen) schräg nach unten neigt, so kann dadurch das Gewicht vom Hinterhaupt nach vorne gebracht und dem Überstrecken des Kopfes entgegengewirkt werden.

-

Unterstützung so gestalten, dass Bewegungsfreiheit von Hals und Armen gegeben ist.

-

An den Füßen eine Möglichkeit anbieten, wo sich das Kind abstützen kann. Dadurch wird das Gewicht nach unten abgegeben und der Brustkorb wird beweglicher.

-

Begrenzung durch ein Nest anbieten, dies vermittelt Sicherheit und Geborgenheit.

-

Cave: „Bei reiner Bauchlage ist der Schwerpunkt des Kindes auf Kopf, Sternum und Becken gerichtet. Der Kopf ist stark zur Seite gedreht, sodass Trachea und Blutgefäße komprimiert werden können. Das Kind hat wenig Körperkontrolle und eingeschränkte Möglichkeiten den Brustkorb zu bewegen“ (Jäckle, 2003).

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Abb. 33

Abb. 34

Abb. 35

Abb. 36

Abb. 37

Abb. 38

Anmerkung zu Abb. 36: Der Teil der Baumwollwindel der vom Kind nach außen geführt wird (siehe Pfeilrichtung), kann auch unter den unterstützenden Windeln von Brustkorb und Kopf nach oben durchgeführt werden. SAB Graz 2002/2003

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7 Zusammenfassung Das handlungsorientierte Bewegungskonzept Kinästhetik Infant Handling bietet eine Grundlage um die Bedürfnisse des früh- und neugeborenen Kindes sensibler wahrnehmen und auf diese entsprechend reagieren zu können. Durch dieses Konzept lernen wir Berührungen und Bewegungen qualitativer zu gestalten. Diese knüpfen an die intrauterinen Erfahrungen des Kindes an und wirken sowohl gesundheitsals auch entwicklungsfördernd (vgl. Maietta, Hatch, 1993). Je mehr Personen bereit sind, herkömmliches Handling im Umgang mit früh- und neugeborenen Kindern zu überdenken und sich z.B. mit dem Lernmodell Kinästhetik Infant Handling auseinander setzen, desto mehr Wohlbefinden und positiven Einfluss auf die Gesundheit erfahren die Kinder. Das Erstellen der Facharbeit war für mich sehr interessant. Sowohl durch Anleitung von Kinästhetiktrainerinnen als auch durch Selbsterfahrungen sowie durch den Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen habe ich gelernt, bewusster hinzuschauen und zu beobachten. Beispiele dafür sind: Wohin fließt das Gewicht des Kindes oder kann es sein Gewicht in der Position, die ich ihm angeboten habe, auf die Unterstützungsfläche abgeben und sich dadurch entspannen? Besonders wertvoll für diese Arbeit waren für mich die Praktika in den Neonatologiezentren Stuttgart und Zürich, da auf diesen Stationen in kinästhetischer Hinsicht bereits einschlägig gearbeitet wird (siehe Anhang). Vor allem konnte ich mein Grundwissen über Kinästhetik Infant Handling festigen und erweitern. Bei der praktischen Durchführung fühle ich mich sicherer und kann dadurch auch Pflegepersonen in Ausbildung und Eltern im Umgang mit den Kindern gezielter begleiten. Ich habe erfahren, dass Kinästhetik Infant Handling ein fortlaufender Prozess ist, der regelmäßiges Tun, Reflexion, Erfahrungsaustausch und vor allem Geduld mit sich selbst und Ausdauer erfordert.

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8 Dank Es ist mir ein Anliegen, allen herzlich zu danken, die mich bei der Erstellung dieser Facharbeit so emsig unterstützt haben. Frau Karin Jäckle danke ich für ihren Einsatz, dass mein Praktikum im Olgaspital in Stuttgart ermöglicht wurde, für ihre Begleitung auf der Station, für ihre wertvollen Arbeitsunterlagen und das Lektorieren meiner Facharbeit. Frau Karin Knöpfli danke ich für die Begleitung während des Praktikums im Universitätsspital Zürich sowie für die hilfreichen Arbeitsunterlagen. Frau Maria Rainer danke ich für die Motivation zu diesem Thema und für die zur Verfügung gestellten Arbeitsunterlagen. Frau Renate Bayer danke ich für den Austausch bei praktischen Durchführungen von Kinästhetik Infant Handling im LKH Salzburg, sowie für die Arbeitsunterlagen und das Lektorieren meiner Facharbeit. Frau Brigitte Kronberger, Frau Franziska Köck, Frau Bärbel Stenitzer, Frau Stephanie Klein, Frau Ursula Gerstner sowie Frau Christine Schwarz-Winter danke ich für das Korrekturlesen. Den Pflegepersonen danke ich für die Unterstützung bei den Fotoaufnahmen. Bei den Eltern der kleinen Patienten bedanke ich mich dafür, dass ich die Bilder für meine Facharbeit verwenden durfte. Ein ganz besonderer Dank gilt meinem Mann, Herrn Andreas Schnedl, für die große Unterstützung und Geduld sowie für seine Ausdauer beim Lay-out.

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9 Literaturverzeichnis 9.1 Fachbücher: Hatch F., Maietta L., Schmidt S. (1994): Kinästhetik, 3. Auflage Verlag: DBfK, Eschborn Maietta L, Hatch F (2001) Kinästhetik Infant Handling. Grundkursarbeitsbuch, Überarbeitete Neuauflage Herausgeber: Institut für Kinästhetik IfK AG Maietta L, Hatch F (2002) Kinästhetik. Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten, 2. Auflage, Verlag: URBAN & FISCHER Wegmann H.(1997) Die professionelle Pflege des kranken Kindes Verlag: URBAN & Fischer

9.2 Fachzeitschriften: Grass F., Mailänder R., Salvenmoser R. (1999) Kinästhetik Infant Handling. Bewegungsunterstützung im Alltag In: Praxis Ergotherapie, Jhg 12 (5), 10/1999 Jäckle K. (1998): Kinästhetik, eine neue Pflegemethode für Neu- und Frühgeborene In: Kinderkrankenschwester-Fachzeitschrift 11/1998 Jäckle K.(1999): Kinästhetik Infant Handling bei Neugeborenen In: Schweizer Hebamme-Fachzeitschrift 2/1999 Jäckle K. (2001): Kinästhetik Infant Handling in der Neonatologie In: Pflege Aktuell-Fachzeitschrift 1/2001 Maietta L, Hatch F (1993): Der Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern In: Deutsche Krankenpflegezeitschrift 9/1993 Maietta L., Hatch F., Bauer H. (1997): Pflegemodelle und Kinästhetik In: Kinästhetik Zeitschrift Erstausgabe Jänner 1997 Sato G., Schwabe H. (2002): Kinästhetik Infant Handling in der ganzheitlichen Wochenpflege In: Die Schwester / der Pfleger-Fachzeitschrift, 41. Jahrgang, 5/02

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9.3 Diverses: Bayer R. (persönl. Mitteilung, 2003) Lektorieren meiner Facharbeit, in Salzburg, 17.09.2003 Jäckle K. (persönl. Mitteilung, 2002) Fortbildung: Kinästhetik Infant Handling, Grundkurs, in Salzburg, 16.- 18.07.2002 Jäckle K. (persönl. Mitteilung, 2003) Praktikum und Lektorieren meiner Facharbeit, in Stuttgart, 28.04.- 04.05.2003 Jäckle K. (2003) In: Kinästhetikordner auf der Neonatologie in Stuttgart Kandlbauer D. (2000) Kinästhetik Infant Handling. Die Wirkung von Kinästhetik Infant Handling auf Säuglinge im Krankenhaus In: Fachbereichsarbeit, an der Schule für allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege und Kinder- und Jugendlichenpflege, am LKH - Univ. Klinikum Graz, 30.10.2000 Maietta L. (ohne Jahreszahl) Kinästhetik Infant Handling Verlag: unbekannt

10 Abbildungsverzeichnis 10.1 Fachbuch Seite Abb. 1..............Massen und Zwischenräume.....................................Aus: Maietta L, Hatch F (2002) ....................... 15 Abb. 2..............Vorder- und Rückseite..............................................Aus: Maietta L, Hatch F (2002)........................ 17

10.2 Eigene Aufnahmen Abb. 3..............funktionelle Vorder- und Rückseite..........................UNI-Spital Zürich (2003)................................. 19 Abb. 4 - 7.........Spiralige Bewegungen..............................................Olga -Spital Stuttgart (2003) ............................ 22 Abb. 8..............aktive Drehbewegungen............................................Kinästetik-Infant-Handling Kurs (2002).......... 23 Abb. 9..............aktive Drehbewegungen............................................Neonatologiezentrum Salzburg (2002) ............ 23 Abb. 10 - 11.....Zug und Druck..........................................................Neonatologie-Graz (2003)................................ 24 Abb. 12 - 15.....Positionsveränderungen............................................Neonatologie-Graz (2003)................................ 26 Abb. 16 - 18.....Drei- Stufen- Oberkörperhochlagerung....................Olga -Spital Stuttgart (2003) ............................ 31 Abb. 19 - 21.....Nahrungsverabreichung am Schoß...........................UNI-Spital Zürich (2003) ................................. 32 Abb. 22 - 23.....Nahrung reichen am Arm.........................................UNI-Spital Zürich (2003) ................................. 33 Abb. 24 - 26.....oralen Ernährung im Inkubator.................................Olga -Spital Stuttgart (2003)............................ 34 Abb. 27 - 32.....Umgebungsunterstützung in Rückenseitenlage........Neonatologiezentrum Salzburg (2002) ............ 35 Abb. 33 - 38.....Umgebungsunterstützung in Bauchseitenlage..........Neonatologiezentrum Salzburg (2002)......37 - 37 Abb. 39...............................................................................................UNI-Spital Zürich (2003)................................. 42 Abb. 40.............Schaubilder bei den Pflegeplätzen...........................UNI-Spital Zürich (2003)................................. 42 Abb. 41...............................................................................................Olga -Spital Stuttgart (2003)............................ 43 SAB Graz 2002/2003

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11 Anhang 11.1 Praktikum im Universitätsspital Zürich (Neonatologiezentrum) Diese Station hat 24 Betten, davon 8 Intensivplätze. Seit 2002 wird daran gearbeitet, die kinästhetischen Prinzipien in der Pflege umzusetzen. Es wurde dazu ein Projekt erstellt,

mit

dem

Kinästhetik

Infant

Mitarbeiter

in

der

Ziel,

das

Handling Pflege

Konzept für

alle

verbindlich

einzuführen. Abb. 39

Frau Karin Knöpfli, Dipl. Pflegefachfrau mit Schwerpunkt Pädiatrie, ist Kinästhetiktrainerin. Sie hat damit begonnen, dieses Konzept in die Pflege einfließen zu lassen. Um auch ihren Kolleginnen das Verständnis und die positive Auswirkung von Kinästhetik zu vermitteln,

bietet

sie

Möglichkeiten

zur

Selbsterfahrung durch Workshops und direkt auf der Station an. Auch ich hatte die Gelegenheit dazu (siehe Abb.3). Zur Unterstützung der Mitarbeiter beim Umsetzen von Kinästhetik Infant Handling hat Frau

Knöpfli

Physiotherapeutin

gemeinsam

mit

einer

anschauliche

Bilder

von

Positionsunterstützungen erstellt, welche bei den jeweiligen Pflegeplätzen angebracht sind (siehe Abb. 40

Abb. 40). Ich

wurde

aufgenommen

auf

der

und

Station konnte

sehr

freundlich

viele

wertvolle

Erfahrungen, Fotos und Anregungen für meine Facharbeit sammeln.

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11.2 Praktikum im Olgaspital (Stuttgart, Neonatologiezentrum) Auf dieser Station gibt es 24 Intensivplätze. Davon sind 15 Plätze für beatmungsbedürftige Kinder und drei für neugeborene Patienten, die eine chirurgische Therapie benötigen,

vorgesehen.

Nach

der

Intensivphase werden die Kinder auf die Neo 2 verlegt. Dort stehen 30 Plätze zur Verfügung. Mit den Begründern der Kinästhetik, Dr. Abb. 41

Lenny Maietta und Dr. Frank Hatch, wurde 1995 in Zusammenarbeit mit Frau Karin

Jäckle, Kinästhetik Infant Handling auf dieser Station eingeführt. Frau Jäckle ist Fachkinderkrankenschwester für Intensivpflege und Kinästhetik Infant Handling Trainerin der Stufe 3. Neben ihren vielfältigen Aufgaben als stellvertretende Stationsschwester auf der Neo 1, leitet sie zahlreiche Kinästhetik Infant Handling Kurse. Sie hat Pionierarbeit im Bereich Kinästhetik Infant Handling in der Neonatologie geleistet. Frau Jäckle hat mich bei meiner Facharbeit vielfältig unterstützt. Neue Mitarbeiter werden in diesem Spital so bald wie möglich auf der Station und durch Kurse in Kinästhetik Infant Handling geschult. Sie sind verpflichtet nach kinästhetischen Gesichtspunkten zu arbeiten, um eine hohe Pflegequalität zu gewährleisten. Es ist für mich sehr beeindruckend, zu beobachten, wie professionell hier die kleinen Patienten in ihren Positionen unterstützt werden. Schräg gestellte Liegeflächen sind hier nicht mehr zu sehen. Im Gegensatz dazu wird eine Erhöhung des Oberkörpers durch verschiedene „Lagerungshilfsmittel“ individuell gestaltet. Die lange Reise nach Stuttgart hat sich für mich sehr gelohnt. Obwohl das Team mit 10 beatmeten Kindern sehr viel zu tun hatte, wurde ich auf der Station sehr freundlich aufgenommen. Ich hatte viele Möglichkeiten, Kinästhetik Infant Handling in der Praxis umzusetzen, zu beobachten und Fotos für diese Facharbeit zu sammeln. Es war für mich auch allgemein in pflegerischen Angelegenheiten ein interessanter Austausch mit den Neokolleginnen aus Stuttgart.

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