Jörg Schlick über die Lord Jim Loge

March 11, 2018 | Author: Anonymous | Category: N/A
Share Embed


Short Description

Download Jörg Schlick über die Lord Jim Loge...

Description

1

Lieber Jörg, knapp nach deinem 5. Todestag und auch knapp vor der 60. Wiederkehr deines Geburtstages ist es an der Zeit für uns, wieder ein Schlick-Projekt zu machen. Nach der ersten Gedächtnisausstellung „Sie nannten ihn Medienkünstler“ wird Elisabeth Fiedler, deine Nachfolgerin als bildende Kunstreferentin im Forum Stadtpark Graz, in Petra Schilchers Galerie „Artelier Contemporary“ eine Ausstellung zu deinem Andenken kuratieren. Und wie damals, so werden wir auch diesmal wieder ein Heft auflegen, das in der Tradition deiner „Sonne-Busen-Hammer“Publikationen gemacht ist. Dem Zentralorgan der „Lord Jim Loge“ in Konzept, Machart und Design nachempfunden, weil es ohnehin nicht besser geht. Wir haben Freunde, Weggefährten und dir nahe stehende Menschen um ein Statement zu Jörg Schlick gebeten. Das Echo war überwältigend, das Ergebnis kannst du hier nachlesen. Dies zeigt uns, wie beliebt du warst und bist und wie man dich vermisst. Die Stadt vermisst einen großen Künstler, der mit seiner unnachahmlichen Konsequenz das kulturelle Leben befruchtete und zum Blühen brachte. Und der nicht nur mit seinem Freund Martin Kippenberger – ich denke, ihr trefft euch auch heute noch – der Stadt und dem Forum Stadtpark einen enormen internationalen, künstlerischen Schub gegeben hat. Der fehlt heute! Und in der Stadt vermissen dich die vielen Freunde und 2

Kunstfreunde in den diversen Kulturstätten, Wirtshäusern und an sonstigen Orten. Das Artelier vermisst seinen kritischen Qualitätsmahner, Impulsgeber und seinen wohl produktivsten Künstler: 50 verlegte Editionen und eine Unzahl von weiteren künstlerischen Anlassproduktionen sind bis heute unerreicht. Das Artelier wurde nach deinem Ableben geklont: Petra Schilchers „Artelier Contemporary“ würdigt dein Werk weiter in Ausstellungen und in dieser Publikation, mein „Artelier Collection“ wirkt an dieser Publikation mit und sorgt in der Sammlung für die Unvergesslichkeit deines Werkes. Und ich selbst vermisse meinen Freund und meinen Lord Jim-Logenbruder, von dem ich einst den Logenstempel bekam. Dazu muss ich dir gestehen, dass ich ihn bei einem meiner zahlreichen Umzüge offensichtlich verlegt habe. Ich denke mir aber, dass du mir dies verzeihen wirst, da der Geist der Loge ohnehin in Kopf und Herz sitzt. Zur Ausstellungseröffnung gibt es klarerweise Gin Tonic und ich werde mein letztes Fläschchen „Singapore Slim“ öffnen und auf dich, Claus und Wolfi sowie auf Sabine mit dem einzig wahren Trinkspruch anstoßen: KEINER HILFT KEINEM! Bis immer, dein Ralph Ralph Schilcher, Artelier Collection-Graz 3

Die zum Andenken an Jörg Schlick realisierte MEMORY Publikation und die mit dem gleichen Titel begleitende Ausstellung in der Galerie Artelier Contemporary, kuratiert von Elisabeth Fiedler, sind mein Beitrag und mein Statement. In Erinnerung an Jörg, seine Sabine und alle Freunde, die nicht mehr sind. Die Beiträge der Autoren sagen alles aus, was es über ihn zu sagen gibt. Daher halte ich es, wie Jörg es gesagt hätte:

DANK AN DIE FREUNDE Petra Schilcher, Artelier Contemporary-Graz

4

VORWORT Post- Inter- oder Transmedialität sind Begriffe, die vor allem in den letzten Jahren innerhalb der Kunst zu viel besprochenen Termini zählen. Flexibilität am Arbeitsmarkt wurde ebenso beschworen, wie höchstmögliche wirtschaftliche Wertschöpfung durch börsennotierte Profitmaximierung. Gentechnische Untersuchungen zur Entschlüsselung des Unentschlüsselbaren, Manipulationen zur Optimierung von wie immer gearteter Leistungssteigerung waren als Thema noch nie so relevant wie in den letzten Jahren. Star- und Allmachtsqualifikationen sowie -allüren von Herrschenden werden erneut in erschreckender Weise sichtbar, gesellschaftlich orientierte und politische Verbindungen noch nie so deutlich wie durch das WWW oder WikiLeaks, Einflüsse und Ausbrüche durch religiösen Fanatismus täglich ersichtlich. All diese Aspekte hat Jörg Schlick in intensiver Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte, der Philosophie, Religion, Musik, Wissenschaft und Wirtschaft thematisiert, sein Leben und seine Arbeit mit Präzision, Schärfe und Haltung, gleichzeitig in ausschweifender Großzügigkeit gelebt. Schlick, der immer wieder betonte, dass er zwar übertreibe, tendenziell aber Recht habe, war bereits 5

seit den 1980er Jahren bekennender Dilettant entgegen ungenügenden Perfektionsansprüchen. Ohne die genaueste Fokussierung seines Denkens auf einzelne Bereiche zu vernachlässigen, steuerte er präzise an einem Hauptwerk vorbei. Als Polyartist ohne klassische Ausbildung formulierte er seine Arbeit als bildender Künstler, Musiker, Performer, Agitator, Dramatiker, Bühnenbildner, Kurator oder Unterrichtender prägnant und zielsicher. Seine Überlegungen und Untersuchungen zu und an geheimen Bünden, religiös vorgeschobenen Machtkonstruktionen, politischen Intrigen oder biologischen Entschlüsselungen schleuderte er, oft in multipler Ausprägung, eine große Anzahl seiner Arbeiten mit dem Lord Jim-Logo und dessen Credo versehen und damit das Phänomen des Gezeichneten ausweisend, der Welt ebenso entgegen, wie er gleichzeitig behutsam und stringent seine Kreise zog. Ihn interessierte nicht ein Aspekt des Lebens, sondern das Leben als eigenartiges Konglomerat in all seiner Absurdität, verbunden mit hohen ästhetischen und moralischen Ansprüchen. Unzählige Gespräche, Telefonate, Treffen, Reisen und Diskussionen zeichneten unsere Freundschaft aus, für die ich zutiefst dankbar bin. Elisabeth Fiedler 6

Sabine Achleitner (1960-2008) 7

lieber jörg, musik .. du konntest tränen in den augen haben beim zuhören. das fällt mir als erstes ein, wenn ich dir schreiben möchte. wohin schreibe ich dir? ich habe deine zeichnung vor mir – eine vinylplatte aus feinsten linien, musik auf weißem papier. war das dein abschiedsgeschenk? damals in diesem lokal habe ich das nicht verstanden. du hattest kurze hosen an, ein weißes hemd und du warst mager. war das das letzte? du bist nicht mehr dort und ich geh nicht mehr hin. du fehlst mir nicht. dort wo du nicht mehr bist, will keiner sein. ich weiß heute, du warst das, was du immer sein wolltest: „ein wirklich guter künstler“. ich kann das beurteilen, denn ich habe dich immer nur aus der ferne gesehen. und von dort sieht man klar. Georg Altziebler Lieber Onkel Jörg! Es funktioniert. In Deinem Ledermantel hattest Du immer eine Sonne, einen Busen und einen Hammer. Dein Jacky Bauer Jack Bauer 8

Wolfgang Bauer (1941-2005) 9

Mumie:

Uns drei, wir leben da, wir leben dort … Wir leben damals, heute morgen …. .. allein, zu zweit, zu dritt zu milliarden …. Wir sind Amphibien …., so zu sagen ……

Text aus „Brian de Palma“ Heidi Bauer AUSSERORDENTLICH Erste Begegnung: Im Hörsaal 23 der Grazer Karl-Franzens-Universität, dort, wo Kunstgeschichte und Archäologie verhandelt wurden und werden, ganz hinten, letzte Reihe, außen, Einer im Übergangsmantel sitzend, älter als die Mehrzahl der anderen, mit Kunstkatalogen und -zeitungen in der Banklade hantierend, in ihnen blätternd. Wilfried Skreiner sprach über Duchamp und Jörg Schlick hörte es nicht. Tratschte sich mit Banknachbarn in eine andere Kunstwelt, als die offiziell erörterte, blickte selten nur auf die von Episkop und Diaprojektor auf die Hörsaalwand projizierten Kunstwerke. Eigenstudium, Zeugnisverweigerer, 10

„Außerordentlicher Hörer“. Wie wahr. Der Kulturfilm „Die Kunst von A bis Z“ im Annenhofkino. Mit Wolfgang Bauer. Post-Dada in der Annenstraße. Schelmischscheues Grazkunstwerk mit finalem Gummibärchenbuffet. Ratlose, amüsierte Gesichter. Jörg Schlick, nervös rauchend, lautstark diskutierend: „Des is’ jo des!“ Später der Kauf einer Schallplatte in der engen Droschl-Buchhandlung in Bischofsplatznähe: Auf Vinyl gepresst die Adaption von Beethovens Eroica, auf dem Cover ein Holzschnitt, signiert. Tanzbodenleerer beim Studierendenfest. Sein Mut zur Multiartistik (wenn auch im Windschatten) machte Mut. Ärger, nicht Neid über die Logenidee. Männerbund bleibt Männerbund. Saufseilschaft bleibt Saufseilschaft. Trotz Ironie. Gespräche über Singapur, Bodybuilding, Walter Grond, die Edition Artelier, urinierende Männer, Karl Neubacher, Köln, Van Dyke Parks, aber nicht nur. Nie eine Kritik an geäußerter Kritik. Jörg Schlick, der mit Understatement und großer Geste agierende Fallensteller und einer (schrecklich?) kindlichen Freude an der publizierten Charakterisierung entfant terrible. Protagonist einer umtriebigen deutsch-österreichischen Künstlerfreundschaft. Netzwerker mit Eigeninteresse, mit Engagement. Kein Bild, kein Text in einer Camera Austria-Nummer nach der Angelobung der schwarzblauen Koalition in Wien. Nur schwarze 11

Seiten. Gedruckte, veröffentlichte Sprachlosigkeit. Übertrieben? Nein, nein, nein. Auf Krücken, auf einem Stuhl beim Begräbnis von Wolfgang Bauer. Gerhard Roth spricht und Jörg Schlick hört zu. Ein außerordentlicher Hörer. Hitze, Trauer, Schwermut. Und eine Ahnung. Martin Behr Jörg Schlick war bei unserer gemeinsamen musikalischen Zusammenarbeit immer die treibende Kraft für wirklich ausgefallene innovative Ideen, die mich noch bis heute positiv in meinem Schaffen beeinflußt haben! Andreas Beit Seit der Eröffnung in der Wegenergasse im Dezember 1982 war Jörg Schlick ein ständiger Besucher der Galerie Bleich-Rossi, er kam fast jeden zweiten Tag. Von Anfang an haben wir heftige Kunstgespräche geführt, die bis spät in die Nacht dauerten und meist im „Bachwirth“ vis à vis der Galerie endeten. Durch die Gespräche mit Jörg Schlick hat unsere Galerie eine wichtige Wendung genommen. “Schaut euch Martin Kippenberger und Albert Oehlen an, die sind gerade der Schrecken von Wien“, meinte er, 12

Alexander Bleich-Rossi (1945-1994) 13

worauf Aky und ich mit ihm nach Wien fuhren, um Kippenberger und Oehlen kennenzulernen. In der daraus resultierenden Gruppenausstellung „Kritische Orangen für Verdauungsdorf“, im Jahr 1985 waren Arbeiten von Wolfgang Bauer, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Jörg Schlick zu sehen. Jörg Schlick war mit einer Serie von Collagen unter dem Titel „Metro Goldwyn Mayer“ beteiligt. Wir haben ein Dutzend Ausstellungen mit Jörg Schlick gemacht, 1988 die Personale „Richelieu“, “Für Aky Bleich-Rossi“, die letzte Ausstellung in den ersten Galerieräumen der Bürgergasse 4, in den Räumen der Peinlichgasse 8 „Tokyo“, im steirischen herbst 2001 „Knocking on Heavens Door“, und nach der Übersiedlung der Galerie Bleich-Rossi nach Wien weitere drei Ausstellungen. Jörg Schlick hat alle Ereignisse der Galerie miterlebt, er war ein „Familienmitglied“ der Galerie. Für mich war er einer der vielseitigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe und ein unentbehrlicher Gesprächspartner. Ich weiß, dass ihn Graz immer sehr geärgert hat, die Kleinbürgerlichkeit, gegen die er eine sehr grazspezifische „Subversität“ entwickelt hatte. „Die Welt nach Graz und Graz in die Welt bringen“ war ja das Credo der Galerie Bleich-Rossi, in diesem Sinne hat uns Jörg Schlick gebraucht und wir brauchten Jörg Schlick. Gabriella Bleich-Rossi, Wien, 15 März 2011 14

JÖRG Fürunsware´tIhr, Sabine und Du, stets überraschend! Jörg auf derLeiter, alsBilderhänger an derDecke Jörg in derGondel, alsSchwanker Jörg im Bristol, alsGeniesser Jörg in Graz, alsGeehrter Jörg in Zürich, alsVerwöhnter Jörg im Atelier, alsSchenkender FürmichbleibtJörgSchlickderfröhliche, herzliche, fantastischdenkende, gelassenfromme und präzise Künstler, auf dessengeschenktem, alten GrazerKunstschule-Holzstuhlichtäglichabhocke und schlicke. Andres Blöchlinger, 08.04.2011 SCHEUE HIRSCHE remember me – requiem en miniatiure Wenn ich aufs Land fahre, um in frischer Luft herumzuspazieren, sehe ich sie manchmal, die so genannten „scheuen Hirsche“. Ehrlich gesagt, stehen sie eigentlich ziemlich auf dem Präsentierteller, mitten auf einer großen grünen Bühne. Wir sehen sie nicht sofort, aber jeder gute Spürhund wittert sie meilenweit und – als hätte er ein Teleobjektiv in der Schnauze – rennt er auf sie zu. Dann nehmen auch wir sie wahr, flüchtend in anmutigen 15

Sprüngen. Eine Choreographie, sie verschwinden, der Hund hinterher. Wie ein Superstar, mit dicker Sonnenbrille unkenntlich gemacht, der scheu die Hand hebt, nicht zum Gruß, sondern um sich vor der Meute der herannahenden Paparazzi zu schützen, so verharrt das Rotwild den Bruchteil einer Sekunde und dann ist es weg. Ich kann es nicht genau beschreiben, das Mysteriöse an ihm, das wäre Anmaßung. Denn dazu war ich viel zu weit weg. Berlin ist weit weg. Es liegen Wälder zwischen uns und doch hat er mich über all die Distanz hinaus zu dem gemacht, was ich heute bin. Lena Braun aka Queen Barbie. „Vergiss nie, Nina, in der Welt gilt allein das Original.“ Das sagt eindringlich und mit Verschwörerblick Gräfin Sanziani, gespielt von Ingrid Bergman, zu ihrem Zimmermädchen. Nina, das ist Liza Minnelli, wird ein Star, weil sie sich diese Worte tief ins Herz schreibt. Auch im wirklichen Leben bringt der heute in Vergessenheit geratene letzte Film Vincente Minnellis „Nina - Nur eine Frage der Zeit (A matter of time)“, seine Tochter 1976 nach oben. Ein Vermächtnis. In der Welt gilt nur das Original, selbst wenn es tausendfach wiedergegeben und gespiegelt wird, es geht um die Urheberschaft, den Geistesblitz, das Unverwechselbare, die eigene Handschrift. Er war sensitiv und frech, ein Frosch, der sich 16

Prinzessinnen darbot, auf einem Bein hüpfend wie Rumpelstilzchen, Gold hervorzaubernd aus Alltagsblicken, ein Zauberer, ein mysteriöser Mensch, eben ein Star. Wollen wir da oben einen nach ihm benennen? Nur müsste das dann auch wirklich ein Original sein. Lena Braun aka Queen Barbie Ich war froh, dass Jörg die wunderbare Skulptur „Made in Italy“ (2003) im Skulpturenpark noch verwirklichen konnte. Bei einem dafür veranstalteten Künstlergespräch im Park versprach er uns noch 10000 Jahre zu leben, um die 3,2 Milliarden möglichen genetischen Kombinationsvarianten in den Griff zu bekommen. So werden er und seine Arbeit uns alle überleben. Niki Breisach Das Denken des Gehens findet in der Fußsohle statt, das Denken des Fressens findet im Bauch statt, das Denken des Hustens findet in der Brust statt, das Denken des Denkens findet im Schädel statt. So nahm Jörg Schlick sein Denken wahr. Ein Kreis ist ein Kreis und in diesem kreisen Kreise. 17

Mich faszinierten die Einfachheit und die Geduld, die Jörg Schlick für seine Sicht auf die Welt, auf die Kunstbetrachtung aufwandte. Wie die meisten Künstler seiner Generation befasste er sich, ob er es wollte oder nicht, mit der Ausarbeitung der „verschollenen Ismen“, vornehmlich mit dem Neo-Dadaismus und den Neo-Geo. So schuf er ein zweck-, aber nicht bedeutungsloses raumgreifendes Design, das immer mit größter Raffinesse vorgetragen wurde. Er war schöpferisches Mitglied der „Lord Jim Loge“, eines geheimnisvollen Klubs, dessen Zielsetzungen mir immer rätselhaft blieben. Vielleicht war dieser Verband auch nur ein spontaner Kaffeehauseinfall, der keine Statuten oder Pamphlete vorsah. Vielleicht war diese Loge nur das Ergebnis einer neo-neo-dadaistischen trunkenen Laune! Wenn ich das Logo deuten will, so zertrümmert ein Hammer eine gläserne Sonnenscheibe. Aky Bleich-Rossi war der Grazer Magnet, der diese lockere deutsch-österreichische Freundschaft anzog und in einer Galerie zur Schau stellte: Krebber, Kippenberger, Öhlen, Schlick usw. In seinen letzten Lebensjahren sah ich eine Schlick-Ausstellung in Berlin, die mich begeisterte und es entstand eine Gemeinschaftsarbeit, die mir große Freude bereitete. Günter und Anna Brus 18

Eine Annäherung an die Künstlerpersönlichkeit Jörg Schlick über die Lord Jim Loge wäre legitim, sollte aber nicht den Blick von Schlicks eigenem umfangreichen Werk ablenken, wie auch oft der Witz in seiner Arbeit die Ernsthaftigkeit überdeckt, mit der Jörg Schlick den grundlegenden Fragen des Lebens nachspürte. Es mag Bedeutung haben oder nicht: denkt man an die Plakate des steirischen herbst aus mehr als 40 Jahren, so fallen einem ganz schnell zwei ein, die für Aufsehen sorgten: das aus dem Jahre 1972, das Karl Neubacher mit dem Puch-Freizeitklub gestaltete, und das von Jörg Schlick aus dem Jahr 1996. Jörg Schlick war über Jahrzehnte hinweg eine der prägenden Gestalten der steirischen Gegenwartskunst, als Individuum ebenso wie in der Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen. Christian Buchmann Das eisige Graz in den achtziger Jahren. Richie Hoeck im KV unter Jörg Schlicks Leitung, dazu wird Night and Day zum Aufspielen geladen. Die kommen im Nacht-Salonwagen der Bahn an und halten sich dort gern etwas auf. Am nächsten Tag fahre ich in Hoecks Gesellschaft 19

nach München zu Kippenbergers Lampen-Ausstellung im Kunstraum Daxer. Lush Life (Billy Strayhorn) I used to visit all the very gay places, those come-what-may places where one relaxes on the axes of the wheel of life to get the feel of life on jazz and cocktails. The girls I knew had sad and solemn grey faces, with distant gay traces that used to be there, you could see where they`d been washed away by too many through the day twelve o`clock-tails. Then you came along with your sirene song to tell me the madness, I thought for a while that your poignant smile was tend with a sadness of a great love for me, I guess I was wrong, again I was wrong. Life is lonely again and only last year ev´rything seemed so sure. Now life is awful again and travail of hearts could only be a bore. A week in Paris leaves a bite of it, all I care is to smile inspite of it. 20

I forget you, I will while yet you are still burning inside my brain. Romance is mush, striving those who strive, I live a lush life in some small dive, and there I´ll be where I rock with the rest of those whose lives are lonesome too. Rüdiger Carl Das Fehlen Jörg Schlicks in der Kulturszene macht allgegenwärtig schmerzlich bewusst, dass durch seinen Tod eine Lücke im Grazer Kulturleben entstand, die nicht wieder zu schließen ist. Sein kritischer Geist, seine Widerständigkeit und sein Nonkonformismus zusammen mit dem dafür nötigen Konfliktpotential haben wesentlich dazu beigetragen, dass es in Graz zu seiner Zeit eine spannende, interessante und virulente Kulturszene gab, die der Stadt eine einzigartige Prägnanz verlieh. Er sah nicht nur sein eigenes künstlerisches Werk im Zentrum, sondern engagierte sich weitab von jedem Opportunismus für die Kulturszene allgemein, auch wenn er sich damit nicht nur Freunde gemacht hat. Anlässlich einer Kunstpreisjury, an der er als vormaliger Preisträger als Juror teilnahm, habe ich den anderen Jörg Schlick kennen gelernt, 21

den liebenswürdigen, weichen, den zärtlichen Sohn, der mit unglaublichem Ernst aber auch Witz und Ironie, Situationen aus seinem Leben geschildert hat. Es war ein sehr berührender Abend, der unvergesslich bleiben wird. Sein früher Tod hat der Kunst und Kultur viel vorenthalten, denn Jörg Schlick war einzigartig und unverwechselbar, ein ganz Großer, auch in seinem Charakter. Gertrude Celedin Jörg war ein interessanter Künstler und wunderbarer Mensch. Maximilian Droschl Lieber Jörg Ohne Dich wüßte ich gar nicht, wo Graz überhaupt liegt. Du warst es auch, der mir im Theatercafé beibrachte, nach der doppelten Mozartkugel eine weiße Mischung zu trinken. Du bleibst in meinen Erzählungen. Gabriele Dziuba 22

Reinhard Diethardt Fassadenentwurf Jörg Schlick Juni 2005 23

Auch ich möchte Jörg Schlick postum ein Gedicht widmen: Admiral Scharnhorst dein Kampf Vernunft nach Augenmasz bis zur letzten Sekunde Sigrid Eisendle, Arnfels, 11.3.2011 60 wär’ er also heuer, der Jörg Schlick – unvorstellbar alt! Weil im Grunde war er immer jünger, viel jünger als alle in seinem Umfeld: Im Hirn, in der Freude, in der Hingabe an alles, was er gerade getan hat Malen, komponieren, Logen gründen, Schuhe sammeln (Designer), zum hundertsten Mal die Lieblingsfilme „Apokalypse now“ oder „The Big Lebowsky“ anschauen, schreiben, erfinden, den Christian Marczik provozieren, Gutes über Mathias Grilj reden, den „herbst“ intellektuell retten, ein kulturpolitisches Netzwerk stricken – um die Maschen (Protagonisten) diebisch freudig gleich wieder fallen zu lassen. Schönes für die lieben Schilchers produzieren, Lehrlingen – ja der Jörg Schlick war auch Heimerzieher – eine Perspektive geben, mit dem Wolfi Bauer um die 24

Häuser ziehen, den Fredi Kolleritsch beruhigen, beim Gerry Wruss schlemmen. Und selbst in schweren Krankheitszeiten andere aufmuntern und motivieren Das alles war der Schlick. Und noch viel mehr. Ein aufrichtiger, kluger, feiner, ein geistvoller Mensch. Ein Freund, der fehlt 60 wär’ er also, und das Unvermeidliche – huldvolle Ehrungen des Kunstbetriebes – hätte ihn schwer angeödet. Ich wett’ sämtliche SchlickDevotionalien, er wär’ nicht da gewesen zu den offiziösen Feierlichkeiten. Hätt’ sich mit seiner Sabine an die Cote d’Azur abgesetzt, nach Nizza, das er so geliebt hat. Oder nach Köln, zu seinem alten Kumpel Albert Oehlen. Den Kippenberger, ebenfalls Kölner Freund, gibt’s ja auch nicht mehr. Vielleicht hier und heute, bei seinen Schilchers, da hätte er vorbeigeschaut. Aber auch nicht, hätte er gewusst, wie viele Leut’ ihn feiern wollen Gerhard Felbinger KREUZ UND QUER SCHLICK Jörg Schlick auf einen Tausendsassa der Grazer und österreichischen Kunstszene zu reduzieren, würde bei weitem zu kurz greifen. Es hat Zeiten 25

gegeben, da war er Erzieher in Gleinstätten, Student an der Grazer Universität und Hörer in einer meiner Lehrveranstaltungen; es waren aber auch Zeiten, in denen er omnipräsent mit einigem Erfolg das künstlerische Leben in der Stadt „aufzumischen“ versucht hat. Charakteristisch: Ihm war immer alles ein bisschen zu wenig. Das Forum Stadtpark firmierte nicht selten vorwiegend als Startrampe – zumindest nach Deutschland, aber natürlich auch weiter hinaus. Schlick konnte Unruhe verbreiten und sich diebisch freuen, wenn das jemand störte. Nicht nur Graz, nicht nur das Forum, auch die bildende Kunst in ihren einzelnen Sparten wurde ihm zu eng: Die Fotografie, der Film, die Grafik, das Multiple, die Musik, das Schreiben, das Theater – das alles zusammen hatte die Funktion eines riesigen Dampfkessels, der jederzeit explodieren konnte und wohl auch sollte. Und um das auszukosten, dazu musste er, der viel zu früh Verstorbene, 10.000 Jahre leben, wohl auch, um die komplette Reihenfolge des menschlichen Genoms mit seinen 3,2 Milliarden Basispaaren über alltägliche, systematisch gereihte Fotomotive abzubilden. Bezeichnend war für Schlick, der auch introvertiert sein konnte, das Bemühen um Gemeinschaften, um Freunde, vielleicht sogar um Spielfiguren, auf diese Weise quasi eine Vorwegnahme der 26

Bemühungen der Facebook-Generation. Auf die Frage, wen er als Referatsleiter für bildende Kunst demnächst im Forum ausstellen werde, lautete die Antwort: „Meine Haberer“. Das tat er nicht nur, es war auch ein offen zur Schau getragenes Grundbedürfnis. Dieses mündete in die Gründung der Lord Jim-Loge, an der Schlick federführend beteiligt war, weil er diese Menschen(an)sammlung brauchte. Da konnten dann aber auch hämische Worte über die Logenbrüder fallen, das musste diese bunte Gemeinschaft aushalten, vor allem, wenn Jörg Schlick dieser Meinung war. Eine veritable herbst-Krise löste, so die Mär aus vergangenen Zeiten, eine Projekteinreichung von Schlick und Freunden aus, die eine Reise nach Asien zur Voraussetzung zu haben schien, letztlich aber als Ziel die Reise selbst hatte. Der herbstIntendant wankte, die Medien sprachen, nachdem das Projekt abgelehnt worden war, von Zensur. Wenn wir Jörg Schlick die Rolle eines Ferments im Grazer Kunst- und Kulturkörper zuschreiben, dann zielt das auf die eine, sehr wichtige Seite seiner Person. Besonders wichtig dann, wenn nicht alles bierernst oder „politisch korrekt“ genommen werden wollte. Die Ethik der Aufklärung war Schlicks Sache nicht. Schon allein seine Vielseitigkeit als Künstler hätte sich damit nicht in Einklang bringen lassen. Wir schätzten einander, die Auffassung darüber, was Kunst denn in der Gesellschaft bewirken könne, 27

waren nahezu entgegengesetzt. Umso überraschender war die Bitte von Jörg Schlick anlässlich eines Krankenhausaufenthaltes, auf sein Werk „aufzupassen“, vor allem im Zusammenhang mit Vorschlägen für das Kulturhauptstadt-Jahr 2003. Zum Glück konnte ich seine letzten erstaunlichen und erstaunlich systematischen Werke damals wieder zurück in seine Obhut geben. Wolfgang Lorenz, zu dem wir in einem ähnlich gelagerten Verhältnis standen, hatte nichts angestellt. Werner Fenz Jörg Schlick war, seit ich mich erinnern kann, immer ein Begleiter und Freund meiner Familie und dadurch auch von mir. Mein Vater ernannte mich im Alter von 13 Jahren zum Lord Jim und beeindruckt wie ich war, wollte ich damals sogar das Logo auf meinen Oberarm tätowieren lassen. „Lord Jim sei Dank“ hatte meine Mutter etwas dagegen…. Dennoch begegnet mir Jörg jeden Tag in einer oder mehreren Arbeiten und dadurch ist die vergangene Zeit immer wieder präsent. Ich hoffe, dass er gemeineinsam mit meinem Vater immer wieder auf uns anstößt und uns mit viel Humor in die Zukunft begleitet. Stephan Fiedler 28

Peter Fiedler (1950-2004) 29

JÖRG SCHLICK: 1951 – 2005 Ich habe Jörg Schlick vielleicht 1980 kennen gelernt. Er war damals Erzieher in einem Lehrlingsheim, ein Brotberuf, der ihm seine Unabhängigkeit als Künstler sicherte. Zu der Zeit hatte er gerade Lehrlings-Kulturtage organisiert, um den jungen Leuten Zugang zur zeitgenössischen Kunst zu ermöglichen, aber schließlich auch mit dem Ziel, künstlerische Arbeit außerhalb der Institutionen der Kunst zur Diskussion zu stellen. Dieses Anliegen würde sich durch sein ganzes Leben ziehen: hier zeigt sich der Ernst seines künstlerischen Ansatzes ebenso wie sein politisches Denken. Sichtbar wird hier aber auch seine Entscheidung, in dieser Stadt, in dieser Region verankert zu bleiben und die Lehre und Vermittlung von Kunst gleich bedeutend neben die eigene künstlerische Arbeit zu stellen. Ein paar Jahre später, im steirischen herbst 1983, erinnere ich mich an die Aufführung seiner symphonischen Komposition „Besser als Ludwig Van“, in der er die Struktur und klangliche Intensität der vier Sätze der Eroica-Symphonie Beethovens identisch nachbaute und – für jeden Satz ein eigenes Instrument wählend – selbst nachspielte. Diese Performance, im Kontext eines AvantgardeFestivals aufgeführt, dessen Anspruch zugleich herausfordernd wie ironisch kommentierend, 30

bildete mit ihrem anmaßenden Titel als heroische künstlerische Ermächtigungs-Geste die andere Seite seines Künstlerbildes. Kunst stand für Jörg Schlick niemals außerhalb des gesellschaftlichen Kontextes, und seine Beschäftigung mit der Rolle des Künstlers in unserer Zeit bildet so etwas wie das zentrale Motiv seiner Arbeit und seines Lebens. Die Idee des Werkes war für ihn umfassender als das allein materielle Ergebnis des künstlerischen Prozesses. Wie ein Wissenschaftler hat Schlick seine Bildfindungen als Modulation von Versuchsanordnungen durchgespielt, wie in seinem ab 2001 manisch betriebenen Vorhaben, die 3,2 Milliarden Kombinationsvarianten des genetischen Codes bildlich darzustellen, wofür er eine Lebenszeit von 10.000 Jahren gebraucht hätte. Seine vielfältigen künstlerischen Partnerschaften haben Jörg Schlick wohl am meisten bedeutet: Seine Freundschaft mit Künstlern bildeten einen Schutzschild gegen das Philistertum, gaben ihm die Möglichkeit zur Selbst-Vergewisserung und haben, neben der Liebe (zu) seiner Frau Sabine Achleitner­ – ihm wohl auch Momente des Aufgehoben-Seins gegeben. Mit Respekt denke ich hier an Wolfgang Bauer, Elisabeth Printschitz, Aky Bleich, Claus Schöner, neben vielen anderen, die mit Jörg Schlick und uns in dieser Stadt gelebt und gearbeitet haben, die nicht mehr hier sind und 31

uns als Bezugspersonen in der künstlerischen Topografie dieser Stadt sehr fehlen. Es war für mich ein großes Privileg, mit Jörg Schlick zu arbeiten und mit ihm befreundet zu sein. 1987 bis 1992 war er Leiter des Referates Bildende Kunst im Forum Stadtpark, wo Mitte der 70er Jahre auch unsere Arbeit begonnen hatte. Während meiner Intendanz des Festivals „steirischer herbst“ von 1995 bis 1999 hat Jörg Schlick die Öffentlichkeitsarbeit des Festivals gestaltet und so dem jungen Publikum neuen Zugang erschlossen; im Jahr 2000 hat er für Camera Austria die Nummer 69, das „schwarze Heft“ gestaltet und unsere Positionierung in der politischen Debatte forciert. Jede seiner Arbeiten und Tätigkeiten hat er mit dem ihm eigenen Ernst erfüllt, hat sich mit seinem großen Wissen, seinem Verantwortungsgefühl und seiner so besonderen Fähigkeit zur unsentimentalen Analyse seinen Vorhaben gewidmet, als Künstler, Gestalter, Kurator und Lehrer ebenso wie als Freund und kritischer Berater. Wie unglaublich scharf war seine Diagnose, wenn es darum ging, Dummheit, Opportunismus, Anmaßung und Feigheit bloßzulegen, und wie sehr konnte man sich auf sein Urteil verlassen. Seine Großzügigkeit, seine Strenge, die Eleganz seiner Erscheinung und seine Diskretion, nicht zuletzt die Facetten und Schattierungen seines Lachens haben unsere Freundschaft geprägt. Welches Beispiel konnte er 32

uns sein – und wie sehr fehlt er uns allen. 2005 ist Jörg Schlick verstorben, er hatte sich gewünscht, dass ich an seiner Beerdigung sprechen sollte. Hätte sein Freund Wolfgang Bauer damals noch gelebt, wäre wohl er an meiner Stelle gestanden. Wolfgang Bauer hätte in diesem Jahr seinen 70sten Geburtstag gefeiert. Im Gedenken an die beiden Freunde hier ein Ausschnitt aus Wolfgang Bauers Text zur Ausstellung „Richelieu“ aus dem Jahr 1988: „Er ist heimatlos, seine künstlerischen Wurzeln angeln irgendwo im Himmel, seine Moral ist die eines Kleinkindes, und die Überraschung ist das Normale in seinem Leben. Sein Leben ist eine bunte Collage, aber seine bunten Collagen sind nicht sein Leben. Er ist kein Autobiograf wie die meisten Künstler. Schlicks ‚Ich’ ist stets unauffindbar, mag sein, dass es sich, wie eine Fata Morgana aus Spiegelungen erzeugt. Doch keiner weiß, wie was wann wohin spiegelt.“ Christine Frisinghelli JÖRG SCHLICK DER KUNSTHISTORIKER Jörg Schlick war ein Grenzgänger. Aber nicht nur einer zwischen den Künsten, sondern in einem viel umfassenderen Sinn. Er hat das u.a. dadurch bewiesen, dass er nicht nur Künstler, sondern auch Kunsthistoriker war. Für mich war 33

er das jedenfalls, zum einen, weil er Mitte der 80er Jahre die Lehrveranstaltungen an der Uni Graz besuchte und zum andern, weil seine künstlerische Arbeit auch eine an der Geschichte der Kunst war. Ich kann mich an keinen anderen Künstler aus der Grazer Szene erinnern, der damals mit uns Kunstgeschichtestudenten die Schulbank gedrückt hätte und sich den teils unangenehmen Prüfungsprozeduren von Wilfried Skreiner, dem Kunstgeschichteprofessor und damaligen Leiter der Neuen Galerie Graz, unterzogen hätte. Aber Schlick wollte es wissen und hat damit – vermutlich ohne es zu wissen – für einige Studenten den akademischen Elfenbeinturm nach außen geöffnet. Mit Schlick und Skreiner standen sich – obwohl von demselben Fach, der Kunst – zwei Welten gegenüber: Ein Präzisionist alter Schule und ein Neodadaist. Wenn es Schlick mit Skreiner auch nicht leicht hatte, dennoch: da hatte einer den Limes überschritten und andere Studenten näher an die Kunstwirklichkeit herangebracht. Schlick hatte gottseidank keine Berührungsängste, er war nicht der Besserwisser, sondern er wollte es ganz einfach besser wissen. Die Kaffeehausmeetings, die wir mit ihm nach den Lehrveranstaltungen bald regelmäßig hatten, waren mitunter der beste Teil des Studiums. Rainer Fuchs 34

JÖRG LEBT! Es begab sich, dass vier Künstler, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Jörg Schlick und Wolfgang Bauer die Zeit gekommen fanden, die „Lord Jim Loge“ zu gründen. Dies war zu einer Zeit, als man die braven Bürger noch leicht schrecken konnte, mit Manövern, die heute, da fast alle Tabus fielen, etwas merkwürdig Rührendes haben. Die Lord Jim Loge war gedacht als Stall für ein Rudel einfallsreicher, provokanter Künstler. Deren Werke sollten fortan das Logen-Symbol „Sonne Busen Hammer“ tragen. So hieß auch das Zentralorgan, das Schlick als Chefredakteur leitete. Frauen, als „Göttinnen“ nicht von dieser Welt, waren im Rudel nicht vorgesehen. Die Loge wurde verblüffend schnell international bekannt, weil sie im Wege eines Kippenberger-Werks („Transportabler U-BahnEingang“) gleich die Documenta X erreichte. Jedes Mitglied durfte nach reiflicher Überlegung ein weiteres Mitglied nominieren. Eines Tages setzten sich Schlick und Bauer in die Südbahn, um mir in Wien meine Logen-Mitgliedschaft zu verkünden. Die schmeichelhafte Begründung werde ich hier nicht wiederholen, zumal ich ihr Angebot unverzüglich ablehnte, mit einem Satz von Oscar Wilde, mit dem ich bis heute jede Vereins-Zugehörigkeit höflich zurückwies: „Ich verachte jeden Club, der meine Mitgliedschaft akzeptiert.“ 35

Dies läge nicht an mir, sagte man. Ablehnung sei nicht vorgesehen und tatsächlich unmöglich. Ich sei nun jedenfalls Mitglied, hätte aber die Wahl, als Mitglied in die Rubrik „Ritter“ oder „Arschloch“ zu fallen. Da schlug ich erschrocken ein, bat aber, mir wenigstens das Logen-Motto zu nennen. „Keiner hilft Keinem“ sagten sie. Das gefiel. Helmut A. Gansterer über seinen Freund Jörg Schlick DIE ENTSTEHUNG VON „FROZEN SCHLICK“ Wollte schon immer einen Cocktail für Jörg kreieren, doch irgendwie war nie die Zeit für ein intensiveres Interview über seine Vorlieben, was Geschmack, Spirituosen, Aussehen usw. betrifft. Das Wichtigste war ja, dass der Drink zu ihm passt und vor allem ihm auch schmeckt. Endlich, eines Abends, hatten wir die Chance eines „Vieraugengesprächs“ an der Theke. Tequila war seine Lieblingsspirituose, das stand fest und den muss man auch herausschmecken. Farblich sollte er nicht fad ausschauen, könnte auch ein bisschen giftig sein, also ein wenig Blue Curacao. Frischer Limettensaft und Limettensirup würde der säuerliche Teil sein. Was für mich ein 36

Peter Gellner (1953-2009) 37

Schock war, Jörg hätte gerne einen Zuckerrand und auch eine Kirsche im Cocktail, irgendwie ein Stilbruch, aber das kann auch gebrochen werden. Für die geschmackliche Abrundung fand ich, ein bisschen Peachtree Likör könnte dazu gut passen. Alle Ingredienzen mit Eiswürfel in eine Elektromixer und als „Frozen“ Cocktail servieren, auch das war Jörgs Wunsch. Dass dieser Cocktail nicht nur Jörg gut geschmeckt hat, sah man speziell beim steirischen herbst in der Ernst Fuchs Bar, denn da haben viele andere Gäste und Freunde den „Frozen Schlick“ genossen. Rezept: FROZEN SCHLICK 4 cl Tequila 1 Dash Blue Curacao 1 cl Peachtree Likör 2 cl frischer Limettensaft 1 cl Limettensirup Riemerschmid Deko: Zuckerrand, Kirsche im Glas Zubereitung: im Elektromixer Manfred Goger 38

Enthusiast, Gruppenmensch, Universalist und Generalist, Bahnbrecher, Sabines Mann, Vortex aus Graz... Würde man sein Leben verfilmen, gäbe es nur einen Titel: MONDO SCHLICK Martin Gostner Mir als Gastgeber fehlt am meisten nicht etwas der Umsatz (denn Jörg Schlick brachte immer viele Künstler und Lebenskünstler mit ins Braun de Praun), nein am meisten fehlt mir, dass sein heißgeliebter „Mitteltisch“ nur mehr als Zierde und wie ein Denkmal im Gastraum zu stehen scheint. Ich denke gerne an die tollen nächtlichen Gespräche mit ihm und seiner lieben Frau Sabine bei Kalbswienerschnitzel aus der Pfanne und Grüner Veltliner von Josef Jamek, und natürlich immer etwas Süßes. Er war für mich ein perönlicher Stammgast, wie man ihn sich nur wünschen kann und ein Gentelman der alten Schule. In einem meiner letzten Gespräche mit ihm fragte ich: „Herr Schlick wie schaffen Sie es trotz schwerer Krankheit noch so viel zu leisten?“ 39

Er sagte: „Ich bin nur die Karosserie, der Motor ist meine geliebte Frau Sabine, und ich werde leider sterben, aber meine Kunst nie.“ Danke Jörg! Ernst Gottinger „Gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt zu leben“, erschienen als steirischer herbst-Projekt im Jahr 2001 im Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln, war in einem ursprünglichen Sinn des Satzes Symbol für die Wiederaufnahme meiner Kontakte zu Jörg Schlick nunmehr als Kulturamtsleiter. Jörg Schlick hatte sich sehr kritisch wegen des Atelierhauses der Stadt Graz in der Monsbergergasse geäußert, war aber dann bei einem persönlichen Zusammentreffen sehr rasch bereit, im Sinne seiner Studierenden einen Kompromissvorschlag zu akzeptieren. Höflich hatte er damals gemeint, sich an unsere ersten Begegnungen erinnert zu haben, bis heute bin ich mir nicht sicher, ob dies nicht einfach der „Pädagoge“ Jörg Schlick als Wissender um menschliche Eitelkeiten gewesen war. Jedenfalls war ich auf ihn zugegangen, 40

indem ich den Titel des für mich damals ganz besonderen Projektes vereinnahmte und keck meinte, ich würde mich nicht als scheuer Hirsch vor seinem Emotionsausbruch in den Wäldern verstecken. Was Monika Pessler in der zitierten Publikation subsumiert hatte, ist zugleich auch das Bleibende für mich zum Künstler und Menschen Jörg Schlick, dessen künstlerisches Agieren – ich zitiere – „keinen privilegierten Kunstort kenne, sondern osziliert zwischen den Territorien von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft“. Dem ist auch heute im Gedenken an eine große Künstlerpersönlichkeit nicht hinzuzufügen. Peter Grabensberger Wie vielseitig, streng, polarisierend, kritisch, vermittelnd, respektierend, wenn nötig attackierend, menschlich, wissenschaftlich, belehrend, witzig, humorvoll und und und ....er war, ist uns allen glasklar. er hat bis zum schluss seinen humor nicht verloren. dadurch habe ich von ihm noch etwas gelernt – was ganz ganz wichtig ist...ich würde ihm am liebsten 10.000 jahre leben gin tonic servieren.... Tamer Granit 41

Später Brief an Jörg Schlick Lieber Jörg, damals, als du gestorben bist, war viel Schnee, und die Luft war gut und scharf. Sabine hat mich, als ich hereingekommen bin, gefragt: „Willst du ihn noch sehen?“ „Bitte.“ Dann bin ich vor dir, wie man es vor Toten tut, in die Knie gegangen. Deine Wange war kälter als draußen der Schnee. Und jetzt ist Sabine auch tot. So gehen Menschen, die man mag, dahin. Aber ich habe Euch beide gekannt. Mathias

Mathias Grilj

Wir sollten uns vergegenwärtigen, wie fanatisch der Antikünstler Schlick der Idee der Kunst hingegeben war, welch strenge Vorstellung von Kunst er also hatte. Der Verweigerung einer 42

herkömmlichen Vorstellung von künstlerischen Objekten und ihrer Funktion in einer bürgerlichen Welt stand sein geschicktes Lancieren von Projekten und Interventionen gegenüber. Schlick operierte so antikapitalistisch wie kapitalistisch. Dies spiegelt sich auch in seinen Werken wider – ein eigenwilliges Miteinander von Warenästhetik, klassischem Proportionieren und Provokation. Die Radikalität seines scheinbar antiästhetischen Ansatzes sollte uns nicht davon abhalten, seine Objekte wie klassische Bilder zu betrachten. Das entbindet uns nicht der Reflexion, im Gegenteil, es hält uns davon ab, seine Kunst für eine Episode zu halten. Walter Grond Verantwortungsvoll respektlos – seine Respektlosigkeit galt vor allem den Schönrednern und Verharmlosenden, der verlogenen, kalkulierenden, profitabgestumpften Menge eines Metiers, welche zudem noch das Bewusstsein trägt, im Auftrag unserer Kultur zu handeln. „Keiner Hilft Keinem“ war die Antwort auf „Eine Hand wäscht die Andere“. Meine Hand bedenkt die Schatten dieser Publikation. Im Gedenken an Jörg. Daniel Hafner 43

Er galoppierte in den Untergang. Zwar hatte er sich die Latte auf 10 000 Jahre gelegt, aber ich fürchte, er wäre nicht bereit gewesen, soviel Lebenszeit zu opfern. Mach schnell, mach viel, mach alles zugleich. Jetzt. Ein Hans Dampf in den Gassen der Kunst. Nicht leicht zu fassen. Mit allen Wassern gewaschen – auch hochprozentigen. Ohne Zigaretten und Kaffee nicht denkbar. Er brannte. Und was da verbrannte war ein Feuerwerk. Schließen möchte ich mit einem Vierzeiler, der schon lange lebt, den ich aber noch niemand gewidmet habe, was ich hiermit tue, postum: für Jörg Schlick Es war einmal Und ist nicht mehr Es war nichtmal Und ist doch sehr Detlef Hartmann

Es muss wohl im November 1990 gewesen sein; die Klasse Kippenberger in Frankfurt war gerade dabei, sich zu formieren. 44

Jörg Schlick war als einer der ersten Gastdozenten geladen. Er hätte eigentlich über die Lord Jim Loge und ihre Bedeutung in der Welt referieren sollen. Er eröffnete seinen Vortrag aber mit: aus aktuellem Anlass müsse er sein Programm umstellen und erzähle uns lieber über den bevorstehenden Krieg im damaligen Jugoslawien. Dies konnte man unter anderem auch daran absehen, dass in der Steiermark seit vielen Monaten alles, was irgendwie noch schießen könnte, über die Grenzen nach Süden verkauft würde. Für uns arme Kunststudenten, die doch viel lieber über „künstlerische Strategien“ nachdachten, eine damals völlig abwegige, überfordernde Vorstellung: Krieg vor der Haustür. Wir nahmen´s mal so zur Kenntnis. Im Gepäck hatte er eine brandneue Top-KlappTischtennisplatte mit aufgedrucktem Lord Jim Loge-Logo, die er uns schenkte. Zumindest erinnere ich mich, dass er das Logo erwähnte. Aufgeklappt gesehen habe ich sie nie. Was wohl daraus geworden sein mag? Hat der Zipp ein Büffet daraus gesägt? Hat sie der Zaiser in eine Giraffen-Transportkiste verwandelt? Andreas Höhne, im März 2011 (alle Angaben ohne Gewähr) 45

Jörg unter der azurblauen Sonne weißes Polohemd weiße Shorts weiße Kniestrümpfe offene Sandalen

JOSEPH CONRAD KONZIL

So begegnete er jeden Sommer den heißen Sandkörnern des Sandstrandes vom Mittelmeer, um sich sogleich seinen Freunden unter der Oberfläche zu widmen.

RAFFLES SINGAPORE SLING SAINT JACK OUT OF THE BLUE

Freudig kam er heraus, um uns zu sagen: „Die Fische kennen mich noch!“ Deshalb gehen wir heute Abend Burgunderschnecken essen. Axel Huber 46

Richard Hoeck 47

Keiner hilft Keinem, daran hat sich Lord Jörg nicht gehalten. Er hat den Beweis gelebt, dass Exzess und Empathie einander nicht ausschließen. So leise (und mutig) er gegangen ist, so laut dröhnt die Stille hinter ihm immer noch. Frido Hütter bei jörg schlick: geschärfte bleistifte zum signieren, von links das licht, die auflage genauest angeordnet, nachher zur guten gastronomie in graz. immer zuvorkommend bei meinen besuchen in graz und dann, die von jörg entdeckte, spezielle kleine, im hintersten winkel der stadt, versteckte weinhandlung und probierstube, wo alter französischer weinbrand aus wehrmachtsbeständen aufgetaucht war. unvergessliche aufenthalte dort mit probieren und unterhalten zugebracht. Sven-Åke Johansson, Berlin, 14.3 2011 Wenn es eine Stadt gibt, die in Kunstfragen legendenreich ist, dann ist es Graz. Und – für die Nachgeborenen, die die 80er Jahre hier nicht erlebt haben, voll von Helden, deren Namen nach 48

wie vor als Garanten einer letzten Avantgarde gelten. Jörg Schlick entzieht sich dieser Einordnung und waren dennoch immer im Zentrum des Geschehens. Jörg Schlick war einer, der in keine Schublade passte: bildender Künstler, Musiker, Komponist, Autor, Herausgeber, Graphiker, Lehrer, Vernetzungskünstler auf lokaler wie internationaler Ebene. In Jörg Schlicks Kunstschaffen war der Austausch mit befreundeten Künstlern und die Arbeit in kollektiven Zusammenhängen untrennbar miteinander verbunden. Und so gilt er bis heute als virtuoser Netzwerker auf lokaler Ebene mit starkem Bezug zur internationalen Kunstszene. Mit dem steirischen herbst bleibt er auf das engste verbunden. Unter der Intendanz von Christine Frisinghelli war Jörg Schlick für das graphische Erscheinungsbild des Festivals zuständig und sorgte 1996 etwa mit einem von ihm entworfenen Plakat für den steirischen herbst, das von hinten einen urinierenden Mann darstellte, für öffentliche Aufregung. Eine letzte große Arbeit für den steirischen herbst war eine Ausstellung im Jahr 2001. Unter dem Motto „Gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt zu leben“ zeigte er in mehr als einem Dutzend Ausstellungsräumen seine damals aktuelle Kunstproduktion, die sich damals sehr stark mit dem Gestaltungs- und Ordnungsprinzip von DNA-Strukturen auseinandersetzte. 49

Mit spielerischem Ernst und Präzision schaffte er in dieser Serie eine Verbindung von Wissenschaft und Kunst, von high-tech und low-art, wie er es ironisch bezeichnete. Ich selbst durfte Jörg Schlick noch über seine mittlerweile leider auch verstorbene Frau, Sabine Achleitner, kennenlernen, die damals noch im Team des steirischen herbst gearbeitet hatte. Wir trafen uns in einer Weinstube, simpel, unprätentiös, wo man bei guter Bedienung billig essen und trinken konnte. Schlick war damals schon stark von seiner Krankheit gezeichnet und dennoch, mit Hingabe rauchend und trinkend, war er über viele Stunden bis weit in die Nacht ein begeistertes und fesselndes Gegenüber – voller Ideen, Pläne und Visionen. Ich wünschte, der Körper hätte diesem wachen und aufregenden Geist mehr Zeit gegeben. Veronika Kaup-Hasler VIER WORTSPENDEN ZU J.S. Jörg Schlick war unkompliziert: J.S. war ein konzeptioneller Künstler, der für seine Arbeiten klare und verständliche Ausgangspunkte gesucht hat, die aber komplexe und überraschende Entwicklungen ermöglicht haben. Bei aller 50

Vielschichtigkeit der Projekte, den oft barocken und burlesken Aspekten – ihr Kern ist immer unmissverständlich kommunizierbar. Deutlich wird dies bei Schlicks Skandalen: Bei Schlick gab es keine Skandale wegen schlampiger Missverständnisse – Schlicks Skandale waren präzise. Jörg Schlick war unverschämt: J.S. hat sich nie geniert, etwas zu fordern: politische Forderungen von allgemeinem Interesse ebenso wie persönlich motivierte Forderungen. Er ist dabei aufgetreten wie ein Usurpator, der seinen Willen kundtut und ihn erfüllt sehen will. Oft genug war er darin erfolgreich. Dieser Gestus der Forderung, des an sich Reißens, der Inbesitznahme bildet eine Grundstimmung, die die Arbeiten von Jörg Schlick durchzieht und sie mit einer Aura der Souveränität umgibt. Schlick war darin glaubwürdig. Obwohl J.S. ein moderner Künstler war – in diesem Punkt war er ein romantisches Originalgenie. Schlick war ein talentierter Feind. Deshalb war er auch ein talentierter Freund: Die vielen Feindschaften, die Jörg Schlick zelebriert hat (und die ihn selbst nur selten beschädigt haben), waren ein wichtiger Teil seines Renommées. Schlick war ein im doppelten Wortsinn dankbarer Gegner: leicht anzugreifen 51

und dankbar, wenn er angegriffen worden ist. Die Polemik, das überspitzte kämpferische Argument, der provokante Slogan waren für ihn ein geliebter Gestaltungsgegenstand. Hier konnte er sein Temperament, seine Intelligenz, seinen Einfallsreichtum überlegt orchestrieren. Seine Instrumente waren Sarkasmus, polemische Überspitzung, Verachtung. Die Opfer dieser Feindschaften haben es in der Regel verdient (für Insider: W.G. ist hier ausgenommen). Seinen Freunden gegenüber war Schlick wie gegenüber seinen Feinden direkt und hart im Urteil. Offenheit war Ausdruck seiner Wertschätzung. Menschlich war er durch seinen Sinn für das Unwägbare, für das Ambivalente und natürlich durch seinen Humor. In diesen Auseinandersetzungen war alles verhandelbar, was nicht bedeutet, dass J.S. leicht zu überzeugen war. Gespräche mit Schlick mussten auf den Punkt gebracht werden; sie konnten nicht doktrinär oder voreingenommen geführt werden und – wichtig – sie mussten auf Augenhöhe geschehen. Manchmal war man nach diesen Gesprächen klüger als vorher. Jörg Schlick war nicht alleine: Es sei noch an Jörgs Frau Sabine Achleitner erinnert, die, wie Jörg schwer an Krebs erkrankt, ein knappes Jahr nach Schlicks Tod selbst verstorben ist. Sabine Achleitner war die stabilisierende Kraft 52

im Lebenskunstwerk Jörg Schlicks. J.S. hat seine 5-jährige Krankheit wie ein Samurai mit stoischer Beherrschtheit bis zum Ende ertragen. Sabine in vollkommener Gelassenheit angesichts des doppelten Untergangs war noch tragischer. Orhan Kipcak JÖRG SCHLICK UND MARTIN KIPPENBERGER „In einer Stadt möchte man such ungezwungen und willkommen fühlen“, schrieb Martin in „Café Central“. So eine Stadt war Graz für ihn. Hierher geholt hat ihn Jörg Schlick, der sein wichtigster Verbündeter und herzlichster Freund und später sein Trauzeuge wurde. Ihre erste Begegnung war ein unfreundlicher Zusammenstoß in Wien. Dort saßen sie eines Abends zufällig im Gasthaus am selben Tisch, aus Versehen hatte Schlick sich an Martins Schnapsglas vergriffen, worüber dieser sich maßlos empörte, woraufhin Schlick zehn Gläser Schnaps „für den großen deutschen Künstler“ bestellte. Am Ende der Nacht hatten sie eine Ausstellung von Martin in Graz vereinbart. „Auch einer“, so hieß der Text von Friedrich Theodor Vischer, ein Text aus dem 19. Jahrhundert, den Martin und Jörg Schlick in einem ihrer 53

gemeinsam gestalteten Kataloge abdruckten, zur Ausstellung „Broken Neon“. Jörg Schlick war auch so einer, der sofort zur Familie gehörte, „unser Mann in Graz“, wie Albert Oehlen ihn nannte, der selber eine Zeit lang hier gelebt und immer wieder ausgestellt hat. Schlick, zwei Jahre älter als Martin, war auch so einer, der sich in keine Schublade stecken ließ: Konzeptkünstler, Autor, Maler, Kurator, Musiker, Fotograf, einer, der alles machte, Film, Oper, Theater, Ballett, der sich für alles interessierte, zeitgenössische Musik und Literatur – Schlick hat alles gelesen, von der Theorie über Philosophie bis zur Trivialliteratur. Auch er war ins Internat gegangen, auch er war ein Neugieriger und Begeisterter, der wirklichen Spaß an der Kunst und am Kunstmachen hatte und seinen „Verstand an langer Gummileine führte“, wie es der Kurator Axel Huber ausdrückte. Auch er war Kettenraucher, war ein Lieber und Provokateur, ein Lustiger, ein Authentischer: Schlick „stimmte“, so hat Mathias Grilj es in einer Hommage an den 2005 Verstorbenen ausgedrückt. Ausstellungsbesuchern hat er geduldig die Kunst erklärt, „Klugscheißer mit schwelgerischer Arroganz barock beiseite gefegt“. Die Werte, die Grilj ihm zuschrieb, waren die gleichen, die Martin hochhielt: „Kunst, Haltung, Gradlinigkeit, Witz, Freundschaft, 54

Martin Kippenberger (1953-1997) 55

Tapferkeit, Unbekümmertheit, Disziplin, Pitzeligkeit, Naivität, Wissen, Achtsamkeit, Loyalität, Schlauheit, Gespür, Stolz, Verbundenheit, Lebenslust, Offenheit, Verantwortung, Sarkasmus, Zorn, Kalkül, Konsequenz, Großzügigkeit, Strenge, Einsicht und Nachsicht.“ Die beiden sprachen dieselbe Sprache, hatten den gleichen Humor. Auch Schlick hat gerne mit seinen Studenten gearbeitet, hat sie unterstützt und gefördert, auch er hat sich in seiner Arbeit unentwegt mit der Rolle des Künstlers beschäftigt. Und vor allem war auch er ein fulminanter Netzwerker, „der Drahtzieher der Grazer Kunstszene“, so hat ihn ein Musiker genannt, einer, der viele Leute zusammen brachte. Schlick hat auf regionaler Ebene das getan, was Martin auf internationaler machte. So wurden hier nun in der Ausstellung „Eurobummel“ 1989 Martins Freunde Luis Claramunt, Sven-Åke Johansson und Michael Krebber zusammen ausgestellt, unter dem Titel „Spielverderber“ traten Cosima von Bonin, Mike Kelley, Jutta Koether, Jeff Koons, Hans Küng, Otto Muehl, Chéri Samba, Jörg Schlick, Uli Strothjohann, Peter Weibel und Heimo Zobernig 1994 im Forum Stadtpark miteinander an. Martin hat Schlick „mitgenommen“, wie Elfie Semotan das nennt, nicht nur im realen Sinne, dass er ihn mit nach Amerika genommen hatte. 56

Auf einem humanistischen Gymnasium erzogen, konnte Schlick fließend Altgriechisch und Latein, aber Englisch nur stockend – so stockend, dass er sich weigerte, was daran zu tun, weil er dachte, dass es eh nie zu einer ernsthaften Unterhaltung reichen würde. Martin hat gern den großen Bruder makiert, der dem anderen die große Welt zeigt, hat ihn nach St. Louis mitgenommen und nach San Francisco, wo Jörg, der mit seiner großen, schweren Gestalt und der riesigen Brille immer ein wenig tapsig wirkte, alles „wunderbar! wunderbar!“ fand, und war maßlos enttäuscht, als er Jörg mit seiner Frau Sabine Achleitner in New York ins Cipriani führen wollte und dieser ihm erklärte, das kenne er schon: aus Venedig. Da war Martin noch nie gewesen. Schlick hat Martin sehr geschätzt und verehrt, ja „vergöttert“, wie Johannes Wohnseifer meint, hat ihn auch ständig fotografiert. Als Referent im Forum Stadtpark hat er Martin eine Bühne für Auftritte gegeben, „mit denen er Dinge hat ausprobieren können“, wie Peter Pakesch sagt, er hat ihm Ausstellungen und Bücher ermöglicht, die er anderswo nicht hätte machen könne, so wie Martin immer versucht hat, den Grazer bei seinen Galeristen und Kuratoren unterzubringen. Sie haben gern miteinander gearbeitet, Schlick hatte sich viel mit Buchbinderei beschäftigt, „es hat ihm Spaß gemacht, so kleine 57

Feinheiten zu verwirklichen, sich so auszutoben mit dem Martin“, meint Sabine Achleitner. Zum Beispiel bei Martins „Kanarienvogel“-Büchern. Das Papier mit den „Kritzikratzizeichnungen“, wie Achleitner sie nennt, sieht gelb aus, ist aber weiß, gelb bedruckt. Oder das große Buch „Dieses Leben kann nicht die Ausrede für das nächste sein“, „das war ja der totale Wahnsinn, das war kein Pergamentpapier, auch wenn es so aussah, sondern wurde im Pergamentstil bedruckt, dann wurde auf der Rückseite die Schrift gegenverkehrt geprägt, so dass man hinten, wenn man drauf greift, die Buchstaben fühlen kann, und dann der Ledereinband, der geprägt wurde...“ Sie waren Verbündete – auch in der Lord Jim Loge. Als „mafiaähnliche Organisation“ hat Martins Berliner Spezialfeind, der Kritiker und Kurator Marius Babias, die Künstler-Loge charakterisiert. Das, fand Martin immer, war an Deutschland das Problem: die Humorlosigkeit. Als „anarchistische Utopie“ hat Jörg Schlick die Loge beschrieben. „Es handelt sich um das Gegenteil dessen, als das es interpretiert worden ist.“ Nicht Parteisoldaten waren ihre Mitglieder, sondern – das war Aufnahmebedingung – Abenteurer und Anarchisten, deren Motto „Keiner hilft Keinem“ die Idee einer Loge sozusagen auf den Kopf stellte: „Im Inneren der Lord Jim Loge 58

wartete absolut nichts“, schreiben Daniela Jauk und Andreas Unterweger über deren Mythos. „Kein geheimes Wissen, keine einflussreichen Beziehungen, ja, wie Griljs Parole vorgab, noch nicht einmal Hilfe von anderen Mitgliedern der Loge. Nur eines veränderte sich: War man zuvor ,draußen‘ gewesen, so war man jetzt ,drinnen‘, jetzt gehörte man dazu.“ ‚ ‚ Gegründet wurde die Loge 84 oder 85, das weiß heute keiner mehr so genau, in einer Grazer Likörstube, wie es heißt. Verbürgt ist, dass der Schriftsteller Wolfi Bauer die Idee hatte und, weil er gerade Joseph Conrads „Lord Jim“ las, auch den passenden Namen dazu stiftete. Er fand, dass die Hauptfigur zu ihnen passte, weil sie „eine leicht suspekte, aber doch idealistische Figur ist“. Wolfi Bauer war selber ein großer Held, von Graz und von Martin, die beiden hatten denselben Witz und Humor, und wenn sie nebeneinander saßen, haben sie sich gegenseitig als Genies gefeiert, immer wieder hat Martin den Schriftsteller zu seinen Veranstaltungen, ob in Köln, Frankfurt oder Umhausen eingeladen. Die Regeln der Loge waren einfach. Die Mitglieder mussten trinkfest sein und: „Wer fragt, ob er aufgenommen wird, wird nicht aufgenommen. Niemand wird gefragt, ob er aufgenommen werden will. Niemand, der aufgenommen wurde, darf wieder austreten.“ Da 59

die Loge aber nicht Buch über sich selber führte („es gibt kein Papier, es gibt keinen Anführer, es gibt kein Stammlokal“), ist es schwierig zu sagen, wie viele Mitglieder – Künstler, Wissenschaftler, Abenteurer – sie hatte. Ungefähr 30 bis 50 sollen es gewesen sein, neben Bauer und Schlick gehörten Martin und Albert Oehlen dazu. Fest steht nur eins: Es waren alles Männer. Frauen wurden nicht zugelassen, um sich, wie Jörg Schlick erklärte, „über die männerbündlerische Situation im Kunstbetrieb und in der Politik im Allgemeinen lustig zu machen, diese Situation auf die Spitze zu treiben“. Um die Frauen zu besänftigen, hat Bauer sie kurzerhand zu Göttinnen erklärt. „Wäre ich opportunistisch gewesen“, meinte Schlick später, „hätte ich mich unbedingt für die Aufnahme von Frauen ausgesprochen; so leicht wollte ich es mir nicht machen.“ So wurden sie als sexistisch, erzreaktionär und mafiös attackiert. Über die Stadtgrenzen hinaus wurde die Loge nur deshalb berühmt, weil sie sich ein Logo gab, das zum künstlerischen Konzept wurde, und ein gleichnamiges „Zentralorgan“ dazu: „Sonne Busen Hammer“. Auch das Logo ist in der Kneipe entstanden, als Martin, Oehlen, Bauer und Schlick zusammensaßen – für den Busen, so heißt es, habe Bauer verantwortlich gezeichnet, Oehlen für den Hammer, Martin für die Sonne –, das 60

war kurz vor ihrer Gemeinschaftsausstellung in der Galerie Bleich-Rossi mit dem Titel „Kritische Orangen für Verdauungsdorf“. Das Plakat dafür war für Martins Geschmack zu klein ausgefallen, „wir brauchen ein großes, gescheites“, um das sich Schlick kümmern sollte. Wenn, wegen der komplizierten Anreise, schon kaum einer zu den Eröffnungen in Graz kommen konnte, musste er ja dafür sorgen, dass all die Aktivitäten dort trotzdem in der Welt wahrgenommen wurden – mit Katalogen, Einladungskarten und Plakaten, die eben groß genug sein mussten. Als am nächsten Morgen der Drucktermin anstand, zog Schlick den Zettel aus der Tasche, auf der sie gemeinsam das Logo gekritzelt hatten, setze es aufs Plakat, und so war es in der Welt, aus der es so schnell nicht wieder verschwinden sollte. Schlick wollte es in der Kunstwelt so bekannt machen wie Coca-Cola es in der ganzen Welt war, er machte Münzen, Tapeten, ein Spiel daraus, stellte es jahrelang in den Mittelpunkt seiner Kunst, sehr viel stärker noch als Martin, der Logo und Motto ebenfalls immer wieder in seiner Arbeit verwendete. Als Martins U-Bahneingang mit dem Logenzeichen am Tor 1997 auf der documenta ausgestellt wurde, fand Schlick, das Ziel war erreicht, er machte noch mal eine letzte Ausstellung damit, das war für ihn das Ende des Signets, 61

dann wurde auch „Sonne Busen Hammer“, das „Zentralorgan der Lord Jim Loge“, eingestellt. Die kleinen Hefte waren in loser Folge erschienen, Jörg Schlick bat immer wieder andere Künstler, Bilder oder Texte zu liefern, Cosima von Bonin zum Beispiel, Michael Krebber, Albert Oehlen, Wolfgang Bauer, Martin, der das Gespräch, das er zusammen mit seinen Kasseler Studenten mit dem Leiter der documenta geführt hatte, veröffentlichte, und Schlick selbst. Das 15. und letzte Heft war die „Exjunggesellennummer“, die ausschließlich aus Fotos von Martins Hochzeit bestand. Ein Jahr später war Martin tot. Susanne Kippenberger Er ist still in die Kunst gekommen. Tief angestrengt hat er seine Kunst aus dem verborgenen geholt. Wir schauen mit ihr ins Verborgene zurück. Die auslegende Erinnerung wird ihn heim in die Nähe bringen. Ihm ist es geglückt, über Irrtümer hinweg, sich für sich selbst und seinen Weg zu befreien. Er hat seine Hand ins Feuer gelegt, und das Feuer bewegt. Er ist still aus der Kunst weggegangen, schrecklich früh, in die Kunst. Alfred Kolleritsch 62

Peter Kogler 63

schlick persönlich:

Jörg Schlicks künstlerische Praxis hatte viele Facetten: Er war Künstler, Kurator, Autor, Musiker und Komponist. Mit seiner integrativen und zugleich politischen Haltung prägte er die Kunstszene der 1980er Jahre von Graz aus entscheidend mit.

denkt man an jörg schlick, dann denkt man an einen ‚mehrfachkünstler’, an einen menschen, dem es im umfassenden sinn um unabhängigkeiten ging – im alltäglichen wie im betrieb der kunst. schlick war die personifikation der ambivalenz, die zwischen dem heimischen milieu und den ansprüchen eines internationalen künstlertums besteht. das eintreten für die unabhängigkeit in allen lebenslagen bildete sein credo. ob es sich dabei um das spiel mit der unabhängigkeit, die darstellung der unabhängigkeit, die inszenierung der unabhängigkeit oder um die konkrete veränderung der verhältnisse gehandelt hat, alle setzungen hatte bei schlick ihre gleiche berechtigung. dies wiederum machte es für viele so schwierig, schlick als künstler, als „hersteller von kunstwerken“ zu orten. dass man den unabhängigen schlick dann zusätzlich auch noch in kunstmannschaften wiederfinden konnte, war teil seines irritationskultes, der die gesamtheit dessen bildete, was schlick erst zu einem wichtigen und unbeugsamen künstler machte.

Karola Kraus

richard kriesche, märz 2011

Am Tag der Kölner Weiberfastnacht erhielt ich die Anfrage zu „Memory“, im Juni wäre Jörg Schlick 60 Jahre geworden. Hier war Sonne, Busen und Hammer angesagt. Im Andenken an Jörg Schlick, Alaaf, Kasper König Kasper König

64

65

Michael Krebber 66

Michael Krebber 67

„ICH WAR NOCH NIEMALS IN GRAZ“

Michael Krebber 68

der Landeshauptstadt der Steiermark, von der aus die internationale Kunstszene der 80er Jahre mit geprägt wurde .... d. h. von einer Handvoll poetischer Kräfte, BleichRossi, Petra Schilcher und eben JÖRG SCHLICK. „SCHLICK“ .. dunkle Stimme, zweite Reihe, ruhige Motorik und Gestik im Augenblick der ausgestreckten Hand, als er sich auf diese Weise bei mir vorstellte. Ein Name, ein Begriff, umgeben von Zeichen und Slogans, einer Loge, eines Zeichens, eines Zentralorgans .... kurz aufgezählt von einem Mann, der als Künstler, als Maler, Kurator, Musiker, Verleger spezifiziert wurde, hinter vorgehaltener Hand derer, die dabeistanden. Die Werkform der Kooperation, der Teilnahme, der Teamarbeit, die in diesen Jahren in den Kreisen der Avantgarde debattiert und ausprobiert wurde, war die Einsicht in eine Notwendigkeit, den sich verhärtenden Bedingungen eines Marktes zu stellen, die herrschende Trennung von Autor, Aussteller, Sammler und Kommentar gegen eine erweiterte Form zu tauschen, in der die Kunst selbst alle Erscheinungsformen, die sie bedeutungsstiftend umlagern, selbst in die Hand zu nehmen. Die Strukur des Marktes verbot oder verhinderte diesen immer noch auf sich warten lassenden Wandel, und aus den Gemeinschaftsarbeiten wurden Perversionen, wie sich am Umgang mit dem Nachlass Kippenbergers exemplarisch zeigt: „Je populärer und merkantiler der 69

Umgang mit dessen Werk, steigt die Zahl der „ehemaligen“ Freunde, die mit ihm gemeinsam gearbeitet haben und scheinbar Verschollenes und Vergessenes aus der Schublade ziehen. Geradezu ein Trost bietet hier das schmale poetische Konzentrat des Werks von Jörg Schlick, der, aus Überzeugung und mit Methode, fast ausschließlich in Zusammenarbeit oder gemeinsam mit einem Kollegen auftritt und erscheint: „Schlick - Brus“, „Schlick - Oehlen“, „Schlick - Kippenberger“. Und sowenig sein Werk über den Erfolg Kippenbergers zuletzt die Documenta X „erreicht“ hat ... was für ein Ziel sollte das sein ... sowenig auch die Arbeit dort als FAKE-Eingang zu einem weltumspannenden U-Bahn-Netz missverstanden werden darf, sondern genau das ist, was sie IST, so bleibt das Oeuvre Schlicks einer der wenigen großen Beiträge der Kunst, die in ihrer Reduktion auf das reine ZEICHEN, den SATZ, KOMMENTAR, in Gestalt der BEGLEITERSCHEINUNG die neo-expressionistische Malerei als eine Kunstform ihrer Zeit nachweist, als eine conceptuelle – reflektierende Gattung im JENSEITS der Geschichte. Und nicht als einen verzweifelten Rückschritt in unwiederbringlich Vergangenes. Gerade im Augenblick des „Das Ende des Zeichens“, wie sich eine Ausstellung nannte, setzte Schlick diskret, und doch unübersehbar, bleibende LETZTE ZEICHEN . Achim Kubinski 70

Hans Kupelwieser 71

Jörg Schlick und ich waren einander nicht wirklich nahe. Wir schlichen eher umeinander herum, hatten beidseitig Berührungsängste. Meinerseits aus Respekt vor einer mir nicht erklärbaren Person und deren geheimnisvollem Werk. Dieses kannte ich gut, nicht zuletzt dank der Initiativen der stets engagierten Artelier-Schilchers. Soviel weiß ich aber ganz genau: Jörg Schlick ist national wie international arg unterschätzt worden. Ein österreichisches Künstlerschicksal wie es leider im Büchl steht. Möge sein großes Werk gesichert werden! Wolfgang Lorenz ein haiku für jörg ein lord im leben gebunden im spiel der kunst den blick im auge Christian Marczik, März 2011 Wenn ich an Jörg Schlick denk´, seh´ ich ihn bei einem kleinen Gulasch im Grazer Stadtpark sitzen, die notorische Frage auf den Lippen „Habt´s den Kippenberger g´sehn?“. Ob er ihn gefunden hat? Hans-Jörg Mayer 72

Birgit Küng (1945-2005) 73

JÖRG SCHLICK Wann immer wir uns im Laufe der Jahrzehnte, die wir uns kannten, trafen, gab es ein erfreuliches Gespräch über Nahes und Fernes. Seine Meinung zur Entwicklung der Kunst war sehr eigenständig, oft zutreffend, meist positiv. Er hatte eine sympathische, offene Art, oft ein Lächeln auf den Lippen, auch eine kritische Einstellung. Gebackene Apfelspalten mochten wir beide. Seine künstlerischen Arbeiten in meiner Sammlung erfreuen mich, machen auch etwas traurig. Johannes Messner, ein Sammler WIENER NEUSTART: DIE LORD JIM LOGE POWERED BY MONOCHROM. ZUR NEUERFINDUNG DER LORD JIM LOGE Zu Beginn des neuen Jahrtausends hat sich die Lord Jim Loge im Prinzip aufgelöst, auch wenn sie formal weiter besteht und anlässlich einzelner Begegnungen vorübergehend wieder aufleben kann. Im Werk keiner der drei verbliebenen Logengründer spielt sie aber eine größere Rolle. Oehlen ist auf der „Expo 2000“ vertreten, Wolfgang Bauer verfasst seine üblichen Texte und parallel zu seinen Kunst-Aktivitäten unterrichtet Jörg Schlick 74

an der Fachhochschule Joanneum in Graz. Zu seinen StudentInnen zählen auch Daniel Fabry und Anika Kronberger, die seit einiger Zeit einen Teil der Grazer Filiale der Gruppe monochrom bilden. Mit der Zeit kommt es zu freundschaftlichen Beziehungen – und durch sie wird Schlick näher in das Werk von monochrom eingeführt, die zum Beispiel im Frühjahr 2002 Österreich auf der Saõ-Paolo-Biennale vertreten. Schlick und monochrom schmieden Pläne für gemeinsame Projekte und Formen der Zusammenarbeit, die allerdings vorerst nicht zur Realisierung gelangen. Erst im Angesicht des bevorstehenden Krebstodes von Jörg Schlick beginnt sich eine geeignete Form der Zusammenarbeit herauszukristallisieren. Bei einer gemeinsamen Ganslsuppe wird erwogen, ob nicht monochrom die Lord Jim Loge weiterführen solle, und zwar in Form ihrer feindlichen Übernahme durch eine „hervorragend aufgestellte aufstrebende junge neoliberale KünstlerInnenGruppe namens monochrom. Im Folgenden übergibt Schlick die Lord Jim Loge an monochrom, und zwar angeblich zum „symbolischen Betrag von 2.500 Euro“, was zwar nicht richtig ist, aber trotzdem irgendwie stimmt. Die offizielle Darstellung sprach jedoch davon, monochrom habe Schlick die Loge auf dem Sterbebett abgekauft, zum Spottpreis, da er 75

aufgrund seiner Situation dringend Geld benötigte. Dies wurde von den Presseaussendungen und Selbstdarstellungen der neuen LJL in variierender und z. T. in absichtlich widersprüchlicher Form verbreitet, denn Schlick bittet sich aus, damit dann aber auch etwas ordentlich Skandalträchtiges anzustellen. monochrom solle es – O-Ton Schlick – „richtig rocken lassen“. Was er dann leider aber nicht mehr miterleben sollte, obwohl er sich doch so darauf gefreut hatte, denn, früher als prognostiziert, verstirbt er am 29. Dezember 2005, weil: Den seinen nimmt’s der Herr ja gern im Schlaf. Trotzdem war Schlicks Skandal-Wunsch nicht zu realisieren. Daran änderte auch das abwertende, zynische und pietätlose Auftreten von monochrom gegenüber Schlick und der alten LJL nichts. Die Kunstöffentlichkeit hat dies nicht sonderlich aufgeregt, was gut widerspiegelt, wie weit sich die besondere Warenform „Kunst“ bereits an die allgemeine angeglichen hat. Das Konzept von monochrom hinsichtlich der LJL war, als aggressives und markenbewusstes Kunstgruppenunternehmen zu agieren und damit den autonomieästhetischen Verblendungszusammenhang aufzukündigen. Insofern wurde zunächst eine Objektwertanalyse vorgenommen. Mit dem Ergebnis: Die LJL umfasse keinerlei materiellen Werte (abgesehen vom Stempel) 76

und kein Eigenkapital. Sie wurde damit als immaterielles Objekt klassifiziert, das mit den Namen Kippenberger, Oehlen, Schlick (dessen Kunstmarktanerkennung mit dem Tod ins Haus stand) und Bauer in prestigeträchtiger Weise verbunden war und dadurch symbolisches Kapital besaß. Die Loge bot zudem die Möglichkeit, monochrom in den Fokus des Kunstmarkes zu rücken, z.B. anlässlich der Ausstellungen und Features zu Schlick nach dessen Tod. Das Konzept der neuen LJL bestand auch darin, das alte Konzept der Loge, neu zu definieren: Die mittlerweile in der Kunstöffentlichkeit eingeführte LJL soll nun monochrom bekannt machen. Dies entspricht durchaus den neueren kapitalistischen Verwertungsstrategien, die im Konzentrationsprozess Unternehmen verwerten. TOGETHER AT LAST: THE COKE LIGHT ART EDITION Als erfolgreich erwies sich die Teilnahme an einem Gestaltungswettbewerb, der im Mai 2006 ausgeschrieben wurde. Er bot der LJLPBM die Gelegenheit, die ursprünglichen Absichten der Logengründer, mit der Marke Coca Cola zu wetteifern, weiterzuverfolgen bzw. sie in einen kooperativen Modus zu überführen. Die österreichische Niederlassung der Coca Cola Company 77

schrieb die „Coke Light Art Edition“ aus, bei der es um die Gestaltung von Coca Cola Light-Flaschen ging, die in einer limitierten Stückzahl von 50.000 „nur in der absoluten Top-Gastronomie Österreichs“ (O-Ton Ausschreibung) verkauft werden sollten. Für die LJLPBM war klar, dass „die Teilüberlassung des Logos an den US-amerikanischen Softdrinkhersteller The Coca Cola Company“ (SBH 17, S. 104) eine Möglichkeit darstellt, „in einer vorübergehenden Allianz mit seiner übermächtigen Konkurrentin Coca Cola von deren generierter Aufmerksamkeit [zu] profitieren, ja sogar eine Art Popularitäts-Anschubfinanzierung [zu] erhalten“ (SBH 17, S. 82) Die Projekteinreichung sprach von „längst fälligen Synergieeffekten zwischen Coca Cola und der Lord Jim Loge“ und von einer Krise des Kunstwerks angesichts der Freiheit der Ware, die ihr aus ihrer globalen Gleichzeitigkeit erwachse. Demzufolge müsse die Kunst den „Formatwechsel von der Leinwand in die Massengesellschaft hinkriegen“ (SBH 17, S. 88) und sich über deren Distributionskanäle ins öffentliche Bewusstsein einschleusen. Die LJLPBM diene sich demzufolge als Nachfolgerin der traditionellen, aber zwischenzeitlich aus dem Markt geschlagenen Coca Cola-Kontrahentin Pepsi an. Weiter hieß es: „Nicht nur die historischen Beatles konnten popularitätstechnisch von ihrem Konkurrenten Jesus Christus profitieren, sondern 78

dieser erfuhr durch sie ebenfalls erneute Aufmerksamkeit, nicht zuletzt als historische Messlatte weit über seinen angestammten Geltungsbereich hinaus.“ (SBH 17, S. 84) Trotz des ironischen Tonfalls wurde der eingereichte Vorschlag (er bestand aus ohne besonderes gestalterisches Engagement seriell aufgestempelten „Sonne Busen Hammer“-Symbolen) prämiert und mit einem Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro bedacht. Der offensichtliche Grund für diese Wahl bestand in der penetranten Mehrfach-Erwähnung Martin Kippenbergers und Jörg Schlicks im Rahmen der Einreichung. Hieran zeigte sich, dass es durchaus möglich ist, das symbolische Kapital der LJL einzusetzen, um sowohl realen (das Preisgeld) als auch symbolischen Gewinn (die Popularisierung der LJLPBM durch 50.000 Cola-Flaschen) zu erzielen. Die besonderen Bedingungen des Kunstmarkts (und seiner spezifischen Schnittsellen zum ökonomischen Subsystem) verweisen auf diese Möglichkeit. Auf dem Kunstmarkt, der im Wesentlichen einen Distinktionsmarkt bildet (auf dem die Kunstware wie die Kunstmarke als symbolische Werte gehandelt werden), reproduziert sich Popularität selbst, und um bekannt zu werden, muss man/frau bereits bekannt sein. Inwiefern es dabei letztlich nur auf die Marke (und nicht auf deren Inhalt) ankommt, hat die Art der monochrom-Einreichung gezeigt. 79

ihres Unternehmensziels zu instrumentalisieren, benutzte die LJLPBM die Marke Coca Cola und die erfolgreiche Wettbewerbsteilnahme in eigener Sache. Gewissermaßen kam es dabei zu einer wechselseitigen und einvernehmlichen Teilüberlassung der jeweils eigenen Marke bei gleichzeitigem offenkundigem inhaltlichem Desinteresse am Gegenüber. Hier begegnen einander nicht mehr gesellschaftliche Subjekte, sondern Marken treffen aufeinander und verhalten sich zueinander wie eben: Marken. Frank Apunkt Schneider/Günther Friesinger (monochrom) Literatur

Am monochrom-Entwurf musste weder das Konzept noch der Entwurf selbst überzeugen, es genügte die Aura der eingestreuten Namen. Weder der Loge noch dem Wettbewerbskomitee kam es auf Gestaltung und Darbietung an, sie wollten lediglich Kunstmarken verwerten. Während es der Coca Cola Company darum ging, die Tatsache der Kunstförderung sowie die mit der LJL assoziierten Namen im Sinne 80

Ablinger, F./Grenzfurthner, J./Friesinger, G./Galerie Bleich-Rossi (Hg.): Sonne Busen Hammer 16/06. Die Aufbruchsnummer. edition mono / monochrom, Wien 2006. Ablinger, F./Grenzfurthner, J./Friesinger, G./Galerie Bleich-Rossi (Hg.): Sonne Busen Hammer 17/07. Die Ölzweignummer. edition mono / monochrom, Wien 2007. Kroeger O./Friesinger G./Lohberger P./Ortland E. (Hg.): Geistiges Eigentum und Originalität. Zur Politik der Wissens- und Kulturproduktion, Turia & Kant, Wien-Berlin, 2011 81

schlick jörg, große haltung, dada, noblesse, kunstwitz, großes herz, modisch, stimmübungen im leeren schwimmbad, gefestigte individualität, zu früh zerbrochen, hoch politisch, kräftiges lachen, essentielles diskutieren im l‘angelo, immer sir, polternde bescheidenheit, aufrecht, bis zuletzt. Walter Müller Nachdem auch Sabine Achleitner verstorben war, gibt es fast niemanden, den man fragen kann, wie es wirklich war mit Jörg Schlick und seinem Werk. Ohne ihn wäre Graz in der bildenden Kunst nie das geworden, was es war: ein kleines aber internationales Zentrum. Elisabeth Fiedler hat die Geschichte dieser Tage sehr gut erzählt. Jörg Schlick zeigte zwischen 1991 und 2007 fünf mal in unserer Galerie in Köln und Berlin. 1991 „Singapur“: Die Plakate des Konzils der Lord Jim Loge wurden in einen alten Seemannskoffer verpackt, in dem auch ein Ofenrohr eingebaut war. Man schaute sprichwörtlich durch das Ofenrohr ins Gebirge, als dass man vom steirischen herbst gesponsert nach Singapur gefahren wäre. Das Ende eines Projekts, das in Graz für 82

heftige Diskussionen sorgte, da Schlick den Politikern den Spiegel vorhielt, diese den Kern des Problems wie so oft nicht erkannten. Albert Oehlen, Günther Brus, Martin Kippenberger, Wolfgang Bauer, Jörg Schlick - starke Einzelkämpfer, deren Künstler-Künstlertum sich im Kontext der Lord Jim Loge auf ironische Weise „solidarisiert“. „Keiner hilft Keinem“ ist die komische Umkehrung des pathetischen „Alle für Einen“. Heute, da sich jede künstlerische Position in einem Umfeld von kontingenten Alternativen verorten muss, erscheint „Alle für Einen“ eher als Fluch denn als Gnade. Die „Lord Jim Loge“ wusste das. Das Werk von Jörg Schlick steht an einem Übergang von Künstler-Kunst zur „Medien“-Kunst. „Das Ende des Zeichens“ war der Titel der zweiten Ausstellung in Köln, 1997. Das „Sonne Busen Hammer“ Logo wurde ad acta gelegt, indem es zusammen mit den Einladungskarten von Schlick auf große rollende Leuchtkästen gebannt wurde. „Projektion und Schizophrenie“, 2003 in Berlin, da war leider der Krebs aufgetaucht, gegen den Jörg Schlick in hunderten von Zeichnungen anzuarbeiten versuchte. LP- artige Embleme mit tausenden von Linien, die sich auf jedem Blatt unter hoher Konzentration verdichteten. 83

2004, bei unserem letzten gemeinsamen Auftritt, brachte Jörg einen hochkarätigen Kollegen ins Spiel: Günter Brus. Dieser hatte die Berliner Ausstellung gesehen und es entwickelte sich eine äußerst fruchtbare Zusammenarbeit: „Langspielkreise“. 2005, wir telefonierten, die Kraft ging zu Ende. Kurz vor Jahresende verstarb Jörg Schlick. 2007 konnten wir noch „Serielle Photographien“ in Zusammenarbeit mit Sabine Achleitner und Monika Pessler zeigen. Arbeiten aus dem legendären Projekt „Gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt zu leben“. Es gibt verschiedene Ansprüche an das Erbe von Jörg Schlick. Freunde und Vermittler wollen es vor allem der Nachwelt erhalten. Damit das gelingt, müssen sich die Erben einigen! Viel Zeit haben wir nicht mehr. Christian Nagel & Saskia Draxler Jörg war der Gentleman des steirischen herbst. Krebber war mit dem Verzehr von Klosteinen beschäftigt, Kippenberger mit den gesungenen Witzen und Monologen über Künstler ohne Kunst und Frau von Bonin 84

verteilte Ohrfeigen an die nicht wachsen wollende Fangemeinde. Insofern war mir der Schlick der angenehmste Zeitgenosse – als junger unerfahrener Spund. Ich hatte immer Respekt vor seiner Ruhe und seiner Coolness. Auch vor seinem allmorgendlichen Gin Tonic mit einer Armada an Tabletten als Treibholz im Getränk sozusagen...“Keiner hilft Keinem“ war seine Erfindung und er hat es gelebt – nicht ausgelebt. Der Mann war schlicht ein Segen. Michael Neff Jörg Schlick – ist kein feinkörniges (Korngröße < 0063 mm) schlammartiges Sediment Aber nicht nur nicht das: Er unterscheidet sich von Schlämmen ... Im Juni 2011 wäre Jörg Schlick 60 Jahre geworden. Zu seinem Andenken habe ich mich entschlossen , dass ich in allen Gewässern de.wikipedia.org/wiki/Schlicki - Im Cache - Ähnliche Seiten Moritz Schlick Friedrich Albert Moritz Schlick Det bin ja ick (* 14. April 1882 in Berlin; † 22. Juni 1936 ... 85

de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Schlick - Im Cache Ähnliche Leute Weitere Ergebnisse anzeigen von Skigebiet 2000, Skifahren Skick im Stubaital in Fulpmes ... NACHTRODELN jeden Donnerstag Auffahrt: 19:30 - 21:00 Uhr. Top-Skigebiet Familien - im ADAC Ski Guide, • Schlick 2000 • AGB, Sitemap • Webdesign Web-Style Web-Style Tarife - Skigebiet, Schlick 2000 Fulpmes ... - Schneebericht – Pistenplan mit ck 3000 Düsen-Schlick GmbH | Druckdüsen | Zweistoffdüsen | Mehrstoffdüsen ... Schlick-Düsen = Innovation, Präzision Partner für (Problem/Spezial-) Lösungen Wir kümmern uns um Ihre Zerstäubung mit hochwertigen Verfahrenstechniken Jörg kümmert sich um die Kunst-Lösungen Albert Oehlen Er konnte Graz glücklich machen. Peter Pakesch 86

88

89

JÖRG SCHLICK. VERUNTREUTE ZEICHEN – ERHABENE TITEL / TEIL I. Nachsichtige Provokation, ernsthafter Witz und empfindsame Brutalität sind jene Parameter, die das Vokabular des Künstlers Jörg Schlick prägen – sie können als Kennzeichen seiner Handlungsweisen aufgefasst werden, die sich in den unterschiedlichsten Medien manifestierten und bis heute Wirkung zeigen. Unter seinen zahlreichen Äußerungen findet sich eine marginal anmutende Publikationsreihe auf billigem Papier gedruckt und von bestechend kleinem Format. Größe und Aufmachung dieser Hefte legen vorerst die Vermutung nahe, es handle sich hier lediglich um Sekundäres, um Beigelegtes ähnlich einer kurzgefassten Vermittlungs- oder Informationsbroschüre. Bei näherer Betrachtung jedoch drängt sich der Verdacht auf, es könne sich um weit mehr als um die bloße Dokumentation von Kunst handeln: Das unscheinbare Äußere scheint viel eher ein absichtsvolles Spiel mit dem Minderwertigen, dem Unbeständigen zu sein – das Ding selbst für ein Publikum geschaffen, welches auch das Verborgene, zwischen den Zeilen Stehende zu dechiffrieren versteht – ja, es scheint auf jeden Fall an eine Kennerschaft gerichtet. Tatsächlich belegt die hier gemeinte Schriftenreihe eine große und umfassende Kunst- und 90

Lebensinszenierung und spannt einen mehrjährigen Bogen über Jörg Schlicks Schaffen sowie über das von Künstlerfreunden, verrät uns die Ausrichtung seiner und ihrer Interessen. Das originale1 Druckwerk berichtet von Kunstkonzepten, die vor allem auf subkulturellem Terrain ausgetragen, die Beteiligten als Mitwisser, wenn nicht gar als Mitstreiter einer Bewegung enttarnt. Die zwischen 1991 und 1996 publizierten Beiträge, Wortspenden und Bildarrangements der unterschiedlichen Autoren als voneinander unabhängig aufzufassen, greift zu kurz – da dieses Medium als Zentralorgan der Lord Jim Loge (s. Cover Heft 1) 2 , die sich 1985 mit dem Leitsatz Keiner hilft Keinem formiert, zudem behauptet Plattform eines geheimen Männerbündnisses zu sein. Jörg Schlick gilt nicht nur als Mitbegründer der Loge, sondern auch als ihr Sprachrohr. Als Herausgeber und Redakteur der Lord Jim Loge-Hefte generiert er diese Bewegung maßgeblich, die Mitte der 1980er Jahre einem zufälligen Zusammentreffen von (Wein-)Geist und Witz entspringt. Laut der oft tradierten Schilderung von Männern der ersten Stunde 3, ist es auch Schlicks Verdienst das Signet Sonne Busen Hammer – ein Produkt jener weinseligen Kooperationsbereitschaft – der Nachwelt überliefert zu haben. Dieses Zeichen wird von den Logenbrüdern (in weiterer Folge auch von ihren Schwestern) für geeignet befunden, um der 91

gemeinschaftlichen Gesinnung Gestalt zu geben. Schon 1991 verleiht Schlick der ersten Ausgabe des Lord Jim Loge-Hefts mit diesem Code ein unverwechselbares Gepräge. Der Covergestaltung mit zentral gesetztem Logo folgt ein kontinuierlicher Wechsel von Teilen des Leitsatzes Keiner hilft Keinem und Abbildungen, die über mehrere Seiten hinweg den Fokus auf einen ausgesuchten Themenbereich lenken sollen. In der rhythmischen Gliederung, die auch den Aufbau der weiteren Ausgaben bestimmt, werden aus Kommentaren von befreundeten Literaten, Künstlern und Kritikern Bild- und Textvariationen entwickelt, die sich zur modellhaften Collagen fügen. Der Gestalter denkt in seinen Materialanordnungen stets auch das Spezifische der angewandten Präsentationsform mit. Da ein gleichbleibendes Layout die Corporate Identity und damit die Wiedererkennbarkeit eines Printmediums sowie die Schlagkraft der in ihm propagierten Inhalte befördert, sieht sich Jörg Schlick veranlasst, auch in dieser Schriftenreihe dem einmal etablierten Schema Folge zu leisten. Das Verfahren der zyklischen Wiederholung bleibt allerdings nicht nur auf die kontinuierliche Fortführung des Layouts, der schematischen Text- und Bildanordnung beschränkt. Es wirkt auf gesamte Inhalte – d.h. Schlick lässt ähnlich einem Déjà-vu mit jedem Umblättern der Seiten ganze Passagen 1:1 vor den Augen der Betrachter immer wieder 92

erstehen. Das wiederholte Auftauchen von ein und demselben Sujet verletzt unsere Erwartungshaltung, der selbstverständliche Gebrauch des vorgeblich sachdienlichen Printmediums ist empfindlich gestört. Um dieser Enttäuschung zu entgehen, ist man versucht an Fehlleistungen zu glauben, vermutet Druckfehler oder dergleichen. Erst im Zuge des Blätterns, im Vor und Zurück gewinnt die Einsicht Oberhand – die vorliegende Materialsammlung ist nicht nur Referenzpapier, sie selbst ist ein Gegenstand der Kunst. Aus künstlerischen Kontexten ist uns die serielle Präsentation von ein und demselben vertraut und liefert bis heute einen willkommenen Anlass, sich mit den Möglichkeiten der Mehrfachklassifizierung unserer Objektwelt sowie ihres Bedeutungswandels zu beschäftigen. Dies gilt jedoch nicht für den Gebrauch von Zeitschriften, Magazinen, Katalogen und dergleichen – schon gar nicht für Organe einer gesellschaftspolitischen Vereinigung. Nun könnte man meinen, dass sich eine zutreffende Beurteilung oder Klassifizierung der Lord Jim Loge-Hefte über die Kategorie des Künstlerbuchs eröffne. Wenn sich Schlick in diesem Metier auch mehrfach profiliert, so bietet dieses Erklärungsmodell keinen zufriedenstellenden Lösungsansatz. Das Künstlerbuch, welches zugegebener Maßen mit der uns vorliegenden Zeitschrift einiges gemeinsam hat, lässt sich letztendlich eindeutig als 93

ein multipler Kunstgegenstand verifizieren und wird als ein solcher auch gehandelt. Ohne bestreiten zu wollen, dass dem einen im anderen mancherorts Platz eingeräumt wird, so tritt doch meist die Kunst als Information von der Information über die Kunst getrennt in Erscheinung. Die gekonnte Verschmelzung von alltäglichen und künstlerischen Wirkungsfeldern weist allerdings eine Nähe zu jenen modernistischen Vermittlungskonzepten auf, denen vor allem daran gelegen war, gesellschaftsreformatorische Absichten zu formulieren. Diesen Ambitionen entsprechend orientiert sich auch Schlicks Arbeit an der inneren Dynamik einer als gemeinschaftlich empfundenen Auseinandersetzung, die ihren Fokus auf aktuelle gesellschaftliche Befindlichkeiten richtet. In der Veröffentlichung der diversen Positionen bedient sich Schlick einerseits gewöhnlicher und handelsüblicher Kommunikationskanäle und -strategien. Andererseits scheut er nicht davor zurück, eigene künstlerische Handgriffe in die Darstellung der Haltung anderer einfließen zu lassen. Dabei erweisen sich die klassische Umkehr vom industriellen Massenprodukt zum Ready-made ebenso wie die Wandlung vom Unikat zum Multiple 4 als selbstverständliche Parameter seiner Manipulationen. Schlick huldigt damit nicht nur einer vormals Bahn brechenden Kunststrategie, er schreibt diese auch auf eigenwillige Art und Weise fort. Dem 94

medialen Konglomerat der Lord Jim Loge-Hefte genügt die herbeigeführte Funktionsstörung alleine nicht – diese bildet vielmehr nur den Auftakt zu einer subtil geführten Gesellschaftskritik, die den Kunstbetrieb mit einschließt und durch den Inhalt der ausgewählten Bilder und Texte eine furiose Steigerung erfährt. So eröffnet das erste Heft der Lord Jim Loge den folgenden Bild- und Textreigen mit einem Ausstellungsfoto von Schlicks Installation Ascona (1991): Ein Holztisch, ein Blechkübel gefüllt mit Box-Handschuhen, gezeichnet mit Sonne Busen Hammer, ein Handtuch auf dem Keiner hilft Keinem zu lesen steht. Der Ausdruck der in momentaner Ruhe verankerten Brutalität erfährt in den folgenden Bildsequenzen eine aktivierende Stoßrichtung. Historische Stiche von amüsiert koitierenden Nonnen und Ordensbrüdern werden im Anschluss zwischen die Worte des Leitsatzes geschaltet. Die Verbreitung pornografischer Inhalte schon in der ersten Ausgabe des Zentralorgans der Lord Jim Loge legt scheinbar unbefangen die Interessen einer männerbündlerischen Gemeinschaft offen. Gleichermaßen bejahend wie konterkarierend jedoch werden die Worte KEINER, HILFT, KEINEM den Abbildungen beigestellt. Auch die den Bildern immanente Gewalt stimmt bedenklich, befördert den Eindruck einem verwerflichem Schriftstück ausgeliefert zu sein. Wenn auch eine künstlerische Absicht vorliegt, die 95

nach eignen Beurteilungskriterien verlangt, so stiftet doch das Ausmaß der hier vorliegenden Geschmacklosigkeit Verwirrung. Darüber hinaus verführt das Format der Präsentation – das Hantieren mit der billigen Zeitschrift versetzt uns leichter Hand in die Lage eines Voyeurs, der sich an den vielleicht allzu einfach aufbereiteten Perversionen zu delektieren versteht. Eine Reaktion der Abwehr und Distanzierung vom Anrüchigen drängt sich auf und strebt nach einem deutlichen Ausdruck der Ablehnung. Einem solchen, gesellschaftskonformen Handeln stellt sich aber sogleich ein anderes, längst etabliertes Rezeptionsmuster in den Weg. Die Abbildung einer Kunstinstallation vorab und klingende Autorennamen wie Wolfgang Bauer, Claus Schöner oder Max Gad – die offensichtlichen Verursacher der im Anschluss abgedruckten Texte – bilden einen sich verdichtenden Hinweis auf einen weniger profanen Zusammenhang. Und da uns die Kunstbetrachtung seit mehr als einem Jahrhundert lehrt, die Darstellung des Hässlichen und Abstoßenden aus einer distanzierten Position zu begutachten, fühlt sich der kritische Kenner aufgefordert, das Vorliegende noch einmal im Hinblick auf eine eventuell tiefer gehende, um nicht zu sagen, künstlerische Bedeutung hin zu befragen. So bricht Jörg Schlick einmal mehr mit nachsichtiger Provokation, ernsthaftem Witz und empfindsamer Brutalität unsere Wahrnehmungskonventionen – um 96

wider die Ordnung der soziokulturellen Verhältnisse den diffizilen Zuständen subversiv anarchistischen Denkens Sichtbarkeit zu verleihen. Fortsetzung folgt! Monika Pessler, Wien, 2011 1

Wenige Wochen vor Jörg Schlicks Tod 2005 erwirbt die Künstlergruppe monochrom die Marken- und Werknutzungsrechte an der Zeitschrift Sonne Busen Hammer und publiziert 2006 und 2007 zwei weitere Ausgaben: Heft 16/06 (monochrom #24), Heft 17/07 (monochrom #25). Im April 2006 widmet die Galerie & Edition Artelier Graz Jörg Schlick postum die Personale Sie nannten ihn den Medienkünstler. Hommage an Jörg Schlick, die so wie die hier vorliegende Publikation von einem Katalogheft im selben Format wie die Lord Jim Loge-Hefte begleitet wird. 2 Sonne Busen Hammer, Das Zentralorgan der Lord Jim Loge, Heft 1, Hrsg.: Jörg Schlick, Edition Forum Stadtpark, Graz 1991. 3 Wolfgang Bauer, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Jörg Schlick 4 Siehe dazu: Peter Weibel, Die kritische Axt oder Serigraphie und Skulptur bei Schlick, in: Jörg Schlick. Editionen 1989 – 1999, Hrsg.: Galerie & Edition Artelier, Graz 1999. 97

Ich erinnere mich sehr gut an Jörg Schlick und an die ersten wilden Jahre des Hotels Chelsea und Café Central, in denen Martin Kippenberger in meinem Betrieb Hof hielt und viele seiner Freunde, unter denen die Österreicher besonders zahlreich waren, ihn besuchten – die ich auf diese Weise auch alle kennen lernte und mich mit ihnen befreundete. Jörg Schlick war natürlich auch auf der legendären Party „5 Jahre Central und Chelsea“ anwesend, auf der Wolfi Bauer aus Kippenbergers „Café Central“ vorgelesen hat. Ich habe Jörg Schlick dann bei seinem letzten Besuch in Köln anlässlich seiner letzten Ausstellung bei Christian Nagel in meinem Hotel zu Gast gehabt. Da war er schon von der Krankheit schwer gezeichnet. Werner Peters Schöne, meist lustige oder schwierige Auseinandersetzungen, feuchtfröhliche Stunden haben wir mit unseren Freunden, Wegbegleiterin Sabine und Jörg Schlick, verbracht, viele Flaschen Weißburgunder, 1 Flasche Mineral durften nie fehlen. Eine wichtige Zeit für Jörg war die Martini Ganslwoche im November. 6 Tage, 6 mal Gansleinmachsuppe mit Bröselknödel. Ein großes Kompliment machte er uns einmal, als 98

Elisabeth Printschitz (1952-1993) 99

er von seiner Jugendzeit bei seiner Großmutter erzählte und unsere Ganslsuppe mit der seiner Großmutter verglich. Wobei der Satz fiel, meine Großmutter hat sie nicht besser gekocht. Künstlerisch wurden viele Momentaufnahmen immer wieder mit seinen neuesten Fotowerkzeugen festgehalten. Selbst unsere alte Bestecklade wurde zum Kunstwerk umgestaltet und als wir sie bei uns ausgestellt sahen, waren wir sehr stolz, einen Jörg Schlick zu kennen. Fam. Pieber, Ferl Weinstube Ob keiner keinem hilft bleibt immer die Frage. Mit Jörg Schlick haben wir in den 90er Jahren unser Auge für die zeitgenössische Kunst öffnen können. Die Objekte, die wir haben durften, sind überall bei uns verstreut und vielleicht hilft uns mal einer die auch richtig zu hängen und aufzustellen. Auf jeden Fall ist es eine tägliche Bereicherung damit zu leben. Jörg, wir trinken auf Dich zu Deinem Geburtstag und schauen auf die Sonne- Busen- Hammer wie jeden Tag. Frank & Patricia Russek 100

HA HA SAID THE CLOWN (TONY HAZZARD) Chorus Ha ha said the clown Has the king lost his crown, Is the knight being tight on romance? Ha ha said the clown, Is it bringing you down, That you‘ve lost your chance. Feeling low, gotta go, See a show in town. Hear the jokes, have a smoke, And a laugh at the clown. In a whirl, see a girl, With a smile in her eyes. Never thought I‘d be brought, Right down by her lies. Chorus In a trance, watch her dance, To the beat of the drums. Faster now, sweating brow, I‘m all the fingers and thumbs. Wonder why I hit the sky, When she blows me a kiss. In a while run a mile, I‘m regretting all this. 101

Chorus Time to go, close the show, Wave the people good-bye. Grab my coat, grab my hat, Look that girl in the eye. Where‘s your home? What‘s your phone number? Stop fooling round. Could have died she replied. „I‘m the wife of the clown“ Chorus

Helmut Sailer

DER HÄNGER FOLGT IMMER DEM WAGEN Nachdem Zobernig Schlick den Spruch der Lord Jim Loge KEINER HILFT KEINEM auf ihr Cover meiner Vinyl-Platte 45RPM „MITTAG“ setzten, wurde ich von einer befreundeten portugiesischen Autorin als Faschist bezeichnet. Gewalt, die nicht in Gewalt umschlägt, finden wir nur in der Kunst. Wer das nicht sieht, findet einiges in der Kunst abscheulich. ferdinand schmatz für jörg schlick, märz 2011 102

Claus Schöner (1951-1999) 103

EIN SENTIMENTALER WEG Jörg Schlick war einer der allerersten Menschen aus dem damaligen Westen, mit dem wir uns in Graz trafen – bei unserer ersten Reise über die Grenze nach 20 Jahren. Das war 1988. In Graz lernten wir den damals sehr breiten und lebendigen Kunstbetrieb aus Neue Galerie, Kunstverein, Forum Stadtpark, Edition Artelier und einer Reihe Galerien kennen und schlossen vor allem mit vielen außergewöhnlichen Künstlern, Galeristen, Kuratoren und Architekten Freundschaften, die die Zeit überdauern. Mit Jörg Schlick verband uns eine solche Freundschaft und verbindet uns bis heute auch über seinen Fortgang in das ideale „Himmelforum Stadtpark“ hinaus, und wir müssen uns eingestehen, dass unsere Beziehung zu ihm nicht ohne ein besonderes Sentiment war und ist. Dieses Sentiment wuchs allmählich, während wir mit ihm voller Enthusiasmus eine Reihe gemeinsamer und unvergesslicher Veranstaltungen in Prag und Graz verwirklichten, bei denen wir auch immer viel Freude hatten. Dieses Sentiment wurde genährt vom Umbruch der Zeit, der gewaltfreien tschechischen „Revolution“, von großen Illusionen und einer gegenseitigen Neugier, wer und was wir sind, was uns verbinden kann und sogar wie wir unsere Identität annehmen oder tauschen können. Gleich zu Beginn haben wir Jörg davon überzeugen 104

Michael Schuster 105

können, dass er ein Nachfahre des bekannten tschechischen Adligen Jáchym Ondřej Šlik (Schlick) ist, der 1627 mit 20 tschechischen Herren für den Aufstand gegen Kaiser Ferdinand II. von Habsburg auf dem Altstädter Ring in Prag hingerichtet wurde. Ihm wurde nämlich die rechte Hand abgehackt, mit der er die aufständische Erklärung unterschrieben hatte, und dann wurde er öffentlich enthauptet. Das, was uns verband, waren grenzüberwindende Gesten beider Seiten. Das war auf der einen Seite die Dependance des Forum Stadtpark in der Prager Krakovská-Straße. Eine WohnungsGalerie, Apartment-Art, die auch mit unserer Hilfe von J. Schlick und Elisabeth Fiedler betrieben wurde – mit einem Programm internationaler Ausstellungen für einen engen Kreis der Prager Kulturszene. Dies war eine außergewöhnliche Intervention in der post-sozialistischen Tschechoslowakei, wies aber auch gewisse absurde Züge auf, über die wir uns mit Jörg in einem gewissem Zynismus lustig machten: in einer Zeit, in der sich die Künstler aus dem Osten entfesselt fühlten und sich die Museen und Galerien für sie öffnen sollten, gründeten wir mit westlichen Künstlern und Kuratoren eine Quasi-Untergrund-Institution mit halboffiziellem Betriebsmodus. Nachts klebten wir im Zentrum Prags illegal Plakate, die in der Edition Atelier gedruckt wurden, und versuchten das ziemlich andersartige Modell der westlichen Kunst zu verstehen. Darum exportierten wir ins Forum Stadtpark, in die Neue 106

Werner Schwab (1958-1994) 107

Galerie, den Kunstverein und die Edition Atelier eine „Prag- und Bratislava-Auswahl“: Július Koller, Peter Rónai, Jiří Kovanda, Vladimír Skrepl, Stanislav Diviš und Jiří David. Damals pflegten wir zu sagen, dass der Ausgleich zwischen Ost und West bedeute, das eigene Leiden jeweils in die Sprache der anderen zu schmuggeln. Von einer ähnlichen Strategie getragen, wurde die heute schon beinahe vergessene Ausstellung von M. Kippenberger, M. Krebber, A. Oehlen und J. Schlick in der Galerie der Hauptstadt Prag. In ihrem Titel trafen zwei Truismen zur „Wahrheit“ aufeinander: das Motto der Lord Jim Loge „Keiner hilft Keinem“ und die Parole Václav Havels aus der Zeit der Samtenen Revolution „Pravda a láska zvítězí nad lží a nenávistí“ (Wahrheit und Liebe siegen über Lügen und Hass).Wir erlaubten Schlick damals, in der Ausstellung unsere Sammlung hochgeschätzter Samisdat-Literatur zu präsentieren und er klebte in alle Exemplare ein Exlibris mit dem Motto der Lord Jim Loge. Das war eine Geste der Aneignung und gleichzeitig der Befreiung von der Opfergeschichte, die alle von uns hören wollten. Schlicks Interventionen in die Intimität unserer lange verschlossenen Welt hatten einen therapeutischen Effekt. Sie waren eine der befreienden, wirklich Grenzen überschreitenden Gesten, ohne die das Requiem für das alte Regime nicht stattgefunden hätte.

JÖRG SCHLICK WAR VON ANFANG AN DABEI, JÖRG SCHLICK WAR WICHTIG, ICH kannte IHN JA VORHER NICHT, habe IHN MIT MARTIN SEHR SCHNELL KENNEN UND SCHÄTZEN GELERNT. ABER SO GENAU MUSS DAS WAHRSCHEINLICH GAR NIEMAND WISSEN.

Jana Ševčíková und Jiří Ševčík

Elfie Semotan

108

109

Über viele Jahre hat mich mit Jörg Schlick eine enge Freundschaft verbunden. Er war in unserer Galerie nicht nur ein gerne gesehener Gast, dessen tiefes Wissen mich in vielen Gesprächen zur Auseinandersetzung mit internationalen Künstlern inspirierte, sondern auch selbst ein äußerst produktiver Künstler, dessen Werke ich sehr gerne zeigte. Mit ihm zusammenzuarbeiten war für Künstler und für Galeristen gleichermaßen fruchtbar und bereichernd. Thomas Bernhard hätte über ihn wohl gesagt: „Er war ein durch und durch philosophischer Kopf!“ Gerhard Sommer Für mich verkörperte Jörg Schlick einen Begriff von Witz, der lockere Blödelei ebenso umfasst wie die ursprüngliche und eigentliche Bedeutung des Begriffs „Witz“ im Althochdeutschen, nämlich „Denkkraft, Klugheit, gesunder Menschenverstand“, „das Wissen“ also. Als einem, für den die französische Kultur und das französische Denken sehr wichtig sind, kommt mir natürlich auch der Begriff „esprit“ in den Sinn, wenn ich an Jörg Schlick denke: „esprit“ meint mehr als nur „geistreich“, sondern vor allem die Fähigkeit zur blitzschnellen Gedankenverbindung, zur überraschenden Gedankenkombination, die spielerische, virtuose Geläufigkeit der Assoziationen. Auch das war und ist Jörg Schlick. Heimo Steps 110

Hartmut Skerbisch (1945-2009) 111

„Jörg hat an unserem Studiengang Informationsdesign die Lehrveranstaltung „Kunsttheorie und ästhetische Praxis“ fortlaufend über vier Semester unterrichtet. Jörg war die Arbeit mit den Studierenden sehr wichtig. Als er wusste, dass seine Zeit bald um sein würde, unterrichtete er besonders intensiv, sodass er seine Lehrveranstaltungen ordnungsgemäß abschließen konnte. Er benotete seine Studierenden, beauftragte seine Frau Sabine den Studierenden nach seinem Ableben die Noten bekannt zu geben und allen je eine Tafel Schokolade „für die gute Mitarbeit“ zu schenken. Jörg liebte die Arbeit mit StudentInnen und er war ein hervorragender Lehrender. Sein Ziel war, den Studierenden allgemeine und individuelle Zugänge zur zeitgenössischen Kunstproduktion zu vermitteln. Besondere Qualitäten entfaltete Jörg in seiner nahezu „schonungslosen“ Supervision der Studierendenprojekte: Er nahm sich dafür viel Zeit, lobte und kritisierte detailgenau und zeigte damit Perspektiven für die Weiterentwicklung der Talente der Studierenden auf. Gerade in dieser Hinsicht ist Jörg auch heute noch für mich und viele KollegInnen ein Vorbild.“ Karl Stocker 112

Eine Erinnerung, die mir spontan in den Sinn kam: Abendessen beim Laufke (ich glaube nach einem arbeitsreichen steirischen herbst) mit Jörg, Sabine, meiner Barbara und Herrn Kupelwieser, der etwas später zu uns gestoßen war. Bei bzw. nach einigen guten Flaschen Rotwein, die wie Jörg sagte, ihn trotz Schmerzen, wie ein kleines Kind schlafen ließen, sprachen wir u.a. über Kreativität! Kurze prägnante Ansage von Jörg: Wir wissen halt, was gut ausschaut – „kreativ“ is a die Friseurin! Die Zeit mit ihm und seiner Frau Sabine werde ich nie vergessen. Happy birthday Jörg – wo auch immer du jetzt sein magst! Markus Strablegg mehrmals hatte ich bei jörg den antrag gestellt als mitglied in die lord jim loge aufgenommen zu werden. er hat mir klar gemacht, dass dies nicht möglich sei, ich jedoch gerne als „begierdebruder der lord jim loge“ weiterexistieren könne – ich fühlte mich geehrt und war sehr einverstanden. jörg hat immer „gegen den stachel gelöckt“. ich erinnere mich an seine philippika anlässlich einer eröffnung des steirischen herbst – in anwesenheit 113

des von uns geschätzten rudolf scholten – gegen die neueinführung des jobs von kuratorInnen – inzwischen gibt es ja auch kulturmanagerInnen und beirätInnen .... ich selbst schätzte, ja brauchte seinen „biß in die hand, die ihn füttert“ – eine sicht der rollenverteilung, die nie meine war –, denn er hatte mit seinen gezielten, kritischen anmerkungen zur kulturpolitik und zum kunstgeschehen meist in‘s schwarze getroffen, damit oft haltungsgänderungen provoziert. unsere – von gegenseitigem grundvertrauen getragenen – des öfteren recht heftigen streitgespräche halte ich in bester erinnerung. seine kunst und seine kunstwerke – eines davon hing in meinem arbeitszimmer – bleiben unverzichtbare beiträge zur szene. danke, jörg! den hab‘ ich sehr gemocht. ich hoffe, er mich auch. helmut strobl JÖRG SCHLICK REMINISZENZEN Ich lernte Jörg Schlick anlässlich bei der Ausstellungseröffnung „Broken Neon“ ‚ im Forum Stadtpark 1987 kennen. Er war so ne Art Verbindungsmann zwischen 114

Kölner und Grazer Kunstszene. Allerbeste Künstlerbetreuung, aber immer auf gleicher Augenhöhe. Auf altmodische Art integer und aufrichtig. Er sah die Künstler, das schloss auch Schriftsteller, Musiker, Theaterleute mit ein, als eine große Gemeinschaft. Neid und Lästereien waren ihm fremd, er war eher der feinen Ironie zugeneigt. Genussmensch. Ich erinnere mich an lange Wanderungen durch die Grazer Kneipenlandschaft. Das reichte bis zu den absonderlichsten Grazer Vorstadt/Arbeiterspelunken. Ein Faible für das Verschwindende: alte Lampengeschäfte mit scheinbar seit Jahrzehnten unveränderter Schaufensterdekoration; aus vergangener Zeit übrig gebliebene Spirituosenläden, die nur stundenweise geöffnet hatten. Irgendwie hing das auch mit seiner Wertschätzung des Handwerks zusammen. Ich kann mir ihn gut vorstellen, wie er in der Druckwerkstatt mit dem Buchdrucker über das zu verwendende Papier, den Einband und den Goldschnitt tüftelte. Mein letztes Treffen mit ihm fand im Frühjahr 2005 in Graz statt. Da war er schon sehr krank. 115

Wir hatten uns vielleicht schon einige Jahre nicht mehr gesehen. Ich hatte in der Nähe von Graz zu tun und rief ihn an. Er lud mich zum Essen in ein vorzügliches altes steirisches Lokal ein. Es war so, als ob wir uns erst letzte Woche gesehen hätten. Er sprach von seinen jungen Studenten, welche Musik hören sie, was bewegt sie. Das weckte seine Neugierde. Er hatte sichtlich großen Spaß am Unterricht mit ihnen. Falls sie etwas bei ihm lernen konnten, dann das: Mach das was du tust mit Liebe. Tu es für dich. Ulrich Strothjohann SCHLICK. Höre ich Schlick, denke ich: Format. Groß, wenn groß. Klein, wenn klein. Beispielsweise: 7,5 mal 10,5 Zentimeter. Genug, um absolut zu sein. Manchmal ein paar Millimeter mehr. Hammer-Busen-Sonne aber uhrturmhoch. Wenigstens halbhaushoch. Höre ich Schlick, denke ich: Haltung. 116

190 Zentimeter zumindest. Groß, nie klein. Auftrumpfend. Intelligent, nie öd. Subtiler Größenwahn. Manchmal Maske. Manchmal Motto. Keiner Hilft Keinem. Jeder Gegen Jeden. Schutzmaßnahmen. Dahinter: Herz. Von Format. Mit Haltung. Nie klein. Schlick halt. Walter Titz „KNALL IHR DOCH ENDLICH EINE!“ Ein Paar der vielen Erinnerungen an Jörg Schlick Ich weiß nicht mehr, wann ich Jörg Schlick kennengelernt habe. 1984 ging ich mit einem Freund zur Premiere des Films „Die Kunst von A bis Z“ ins Annenhofkino, das damals noch ein grandioses Foyer hatte. Die Einladungskarte erbat Abendkleidung oder Tracht und versprach ein üppiges Büfett. Aberhunderte kamen, der 117

Vorspann begann verheißungsvoll, doch der Film selbst dauerte keine 30 Sekunden: Jörg Schlick und Wolfgang Bauer zeigten bloß die „Kunstwerke“, die sie unter den Pseudonymen Herbert Aigner und Theo Zwirn, also A und Z, für den Förderungspreis des Landes Steiermark eingereicht hatten. Wir amüsierten uns prächtig. Aber, um ehrlich zu sein: Gekommen waren wir wegen Wolfgang Bauer. Wirklich kennengelernt haben dürfte ich Jörg Schlick erst 1985, als ich für den steirischen herbst unter Intendant Peter Vujica zu arbeiten begann. Und es dauerte etliche Jahre, bis ich das erste Mal über ihn schrieb. Im Rahmen des steirischen herbst 1990 wollte Jörg Schlick zusammen mit zehn Mitgliedern „Das Konzil der Lord Jim Loge in Singapur“ abhalten und nach dem Gratisurlaub ein Buch mit dem Titel „Dank an den Steuerzahler“ herausbringen. Horst Gerhard Haberl, der neue Intendant des Festivals, sträubte sich im letzten Moment gegen den von ihm abgesegneten, dann denunzierten „Saufausflug ohne künstlerischen Auftrag“, worauf ein grotesker Streit über die Freiheit der Kunst anhob. Das sprach sich landesweit herum. Damals freier Journalist, gelang es mir, die Zeitschrift „Wiener“ für die sonderbare Loge mit dem Motto „Keiner hilft Keinem“ zu interessieren. Am 19. Oktober 1991 traf ich Jörg Schlick, 118

Wolfgang Bauer und Martin Kippenberger in der Galerie Bleich-Rossi zum hoch skurrilen Interview, das (abgesehen von ein paar Zitaten) bis heute unpubliziert ist. Und am 22. Oktober führte mich Jörg Schlick durch seine Ausstellung „Gratisinformation fürs Fußvolk“ im Artelier. Mein Text, der in der Dezember-Ausgabe des „Wiener“ erschien, dürfte ihm gefallen haben: Er bedankte sich überschwänglich und schenkte mir eine postkartengroße „Keiner hilft Keinem“-Collage, später malte er mir zwei Flaggen der Buchstaben TT. Kaum jemand war herzlicher als Jörg Schlick und seine Frau Sabine Achleitner. Am 6. Jänner 1995 veröffentlichte ich im „Album“, der Wochenendbeilage des „Standard“, einen langen Text über den Dramatiker Werner Schwab, der am Neujahrstag 1994 an Atemlähmung gestorben war. Jörg Schlick rief mich wenige Tage später an, nur um mir zu sagen, wie treffend ich Werner Schwabs Leben beschrieben hätte. Er erzählte mir, dass auch er, wie Werner Schwab, in der Eisteichsiedlung aufgewachsen war. Kurz vor Schwabs Tod, im Dezember 1993, hätten sie begonnen, einen gemeinsamen Briefroman zu schreiben: über zwei Jugendliche, Kleinkriminelle aus einer Siedlung, die Geld auftreiben wollen, um eine Band zu gründen. Jörg Schlick wollte mir die ersten Seiten dieses Romanprojekts zuschicken, dürfte dann aber vergessen haben. 119

Mitte Juli 2004 – Jörg Schlick ging es gesundheitlich schon recht schlecht – erhielt ich von ihm einen Brief: „Beiliegend die ersten Seiten des Gemeinschaftsromans von Werner Schwab und mir. Sie wurden im Dezember 1993 geschrieben, also wahrscheinlich sein letzter Text. Die Idee war, einen Briefroman zu schreiben, er einen längeren Text und ich antworte mit einem Comic (Tätowierung). Die beiden Figuren sind männlich und etwa 16 Jahre alt, sehr aggressiv und kriminell.“ In seinem ersten Brief erzählt Werner Schwabs Jugendlicher, dass ihm der „Onkel Vormund (...) die länglichen Haare hitlerjungenmäßig mit der Fingernagelschere verschleppt“ hätte: „Die Augen haben mir geblutet unter der Fuchtel meines Onkels. (...) Der Onkel hat gelacht über meine Augen, die Mama war zufrieden mit ihnen..., mit den Blutaugen, meine ich. Man muss etwas tun. Oder?“ Die Antwort von Jörg Schlicks Jugendlichem in Form einer Sprechblase lautet: „Lieber Jack! Knall ihr doch endlich eine! Übrigens in Zagreb kann man für 150.000,eine Million erstklassige Blüten kaufen.“ Wie der Roman weitergegangen wäre? Von Jörg Schlick weiß ich: „Es war klar: Sie wären nie zum Geld gekommen.“ Den Roman würde ich trotzdem lieber lesen können. Thomas Trenkler 120

Gustav Troger 121

Großzügigkeit war immer mit Ihm. Das erste Buch, das ich von Jörg Schlick bekam, war „Kaltblütig“, von Truman Capote. Kurz vor seinem Tod erhielt ich Paul Valerys „Monsieur Teste“, vor allem eine überbordende Fülle luftig-leicht freigesetzter Gedanken, Sätze, Gesten, ich würde sagen, anvertraut – besonders was Humor und Angst und ihr endloses Zusammenspiel berührt. So las ich heute Nacht in Cees Nootebooms Reisebuch „Nootebooms Hotel“ einen Satz, der mich daran erinnert. Nooteboom sprach mit Bruce Chatwin über ihrer beider Reiseeindrücke auf dem afrikanischen Kontinent, insbesondere jener in Gefängnissen, über seine dort empfundene Angst, da Chatwin 1978 in Togo, nackt in einer Truppenunterkunft eingesperrt, kurz davorgestanden war, von einem wilden Mob gelyncht zu werden. Chatwin bemerkte dazu: „Ach, du kennst doch den Mechanismus von Angst. Auf einmal wirst du todmüde, und dann findest du alles absolut lächerlich.“ … Seit Tagen wollen sich keine Wörter finden, zusammenfinden, für Unwiederbringliches. Doch jetzt schreck ich aus dem Schlaf hoch und schreibe auf einen Zettel: Es gäbe unendlich viel zu sagen, zu zeigen, die Kunst macht es erträglich, oft in die Nähe von Einsamkeit, bislang in die Tiefe von Freundschaft. Die Welt dazwischen bleibt uns stet, wiederbringlich, bis auch sie in uns verschwinden wird. JJV Joachim J. Vötter 122

Hartmut Urban (1941-1997) 123

124

Manfred Wolff-Plottegg Kathedrale der Intelligenz 1991

125

126

Manfred Wolff-Plottegg Kathedrale der Intelligenz Rendering 2006 / ordentliche Zeichnung für Jörg Schlick

127

Ohne Jörg Schlick hätten wir beide einander nicht kennengelernt – damals in Venedig im September 1990. Er ist also unser „indirekter Ehestifter“. Dieses Glück (und das ist es für uns beide gleichermaßen!) verdanken wir ihm und werden’s ihm immer von Herzen danken! Ulrike und Günter Waldorf, 11.3.2011

Jörg Schlick hat heiße Kunst kühl serviert, gelegentlich aber auch das Gegenteil: kühle Kunst heiß debattiert. Er war ein Konzeptkünstler der Expression, ein expressiver Minimalist und mehr. Peter Weibel

Vermisse meinen Künstlerfreund Jörg Schlick sehr; besonders seinen markanten Lacher. Und wir haben viel gelacht! Hans Weigand 128

CLAUS PEYMANN KAUFT SICH EINE HOSE… …und Jörg Schlick eine Unterhose. Pardon, wenn Thomas Bernhard über den Hosenkauf schreiben konnte, dann darf ich das auch über den von Unterhosen. Tatsächlich saßen Jörg Schlick und ich eines frühen Abends auf den kleinen Stühlchen vor Gerry’s Osteria in der Bürgergasse. Von gegenüber, aus dem Palais Trauttmansdorff strömten die Beamten in den Feierabend, Jörg war gerade aus einem Kaufhaus gekommen, wo er beim Unterhosenkauf viel Neues erfahren hatte: Unzählige Gattungsbezeichnungen für das Ding, das uns seinerzeit als „Gattihose“ bekannt war, und vor allem die Frage der Verkäuferin, ob er denn das Kleidungsstück mit oder ohne Eingriff haben wolle. Gerade dieser Eingriff, oder das Wort für den dafür vorgesehenen Schlitz hatte Schlick ungemein erheitert und fasziniert. So saßen wir da und sinnierten über die vielen möglichen Bedeutungen des Eingriffs, vor allem wenn man ihn in Zusammenhang mit der Unterhose sehen wollte. Militärische Eingriffe hießen dann, dass der Krieg in der Unterhose stattfinde, und bei politischen Eingriffen kam uns gar der durch nichts gerechtfertigte Gedanke, dass die Politik im … sei. So viele Varianten fielen ihm da in kürzester Zeit ein, dass ich keinen Zweifel daran hegte, er werde auch seinen Plan realisieren können, alle 129

3,2 Milliarden Basenpaare der menschlichen DNS in künstlerischen Systemen darzustellen, wenn es ihm gelänge, 10.000 Jahre alt zu werden. Hier im Irdischen hat er das Ziel nicht erreicht, irgendwo im Jenseits arbeitet er wahrscheinlich daran und lebt weiter, so wie in meinen Gedanken. Dass er auch im Gedächtnis der Öffentlichkeit weiterlebt, ist Petra und Ralph Schilcher nicht genug zu danken. Peter Wolf Voller Zuneigung denke ich an meinen Verleger Jörg Schlick. Als tapferen Situationisten und Mitbegründer der Lord Jim Loge. Michel Würthle Lieber Jörg! Während Du mit Sabine und Wolfgang bei einem Glaserl Wein und einer Zigarette sitzt, gibt es hier noch ziemlich viele Unklarheiten und Verwirrungen. Wenn die Chaostheorie – die Du immer präferiert hast – zutrifft, dann befinden wir uns im UnordnungsOrdnung Übergang und werden hoffentlich bald einen Weg aus der kritischen Instabilität finden. Halbwissen hat Dich immer beunruhigt, weißt Du noch, 130

wie der Prof. Gallée Dir DNA und Genomforschung erklärt hat und Dich in Erstaunen und Begeisterung einerseits versetzte und Dich anderseits zu Kunstwerken inspirierte. Überhaupt haben Dich Theorien überaus angezogen und fasziniert und haben dein kreatives Potential erweckt und erweitert, auch die idiosynkratischen Farbtafeln aktivierten deine Assoziation und Ausdrucksmöglichkeiten. Die Bandbreite Deiner umfangreichen Bildung beeindruckte und bereicherte mich, die Gespräche mit Dir vermisse ich sehr. Deine Ballettchoreographie und Deine Musik zeugen von Deiner unglaublichen Vielfältigkeit. Als Du schon krank warst, hat Dir das Lehren in der FH viel Kraft gegeben, es machte Dir richtig Spaß und Du hast junge Künstler gefördert, wo Du nur konntest. Die weniger Begabten mussten sich mit einer Schoki zufrieden geben, die Du einer wenigen guten Note immer beigefügt hast. In besonderer Erinnerung habe ich Deinen Stolz, als Dir Herr Günter Brus einen Brief geschrieben hat, in dem er Dich als großen Künstler anerkannte. Leider konntest Du die Pyramide, in der Du Deine gesamte Kunst trappieren wolltest, nicht mehr bauen. Ich danke Dir für alles, Deine Schwester Karin Karin Zach 131

DER IDEEIST „Gib dem Zehrer das Geld, der arbeitet jetzt für mich“, Jörg Schlick. Ein Satz von zwanzig, die ich von verschiedenen Leuten aufgeschnappt hatte und zu einem Selbstportrait zusammenhörte. Als Textauszüge fiktiver Filme gedacht, wurden diese als Satz roter Ohren für eine Edition bei Artelier Graz auf leere Videohüllen gedruckt. Schlicks Ideenumsetzerbetrieb. Die Ideen, sagte er, kämen ihm besonders beim Zugfahren. Was anderen das Spazierengehen, sei ihm das Zugfahren. Er hat auch Romane versucht oder angeregt, war eigentlich Ideentreiber und Ideensäer. Die Ideen für Romane waren wohl auch eher Ideen für alles andere, das er bei Artelier bildnerisch und skulptural umsetzen konnte. Die Sachen, die einem im Zug durch den Kopf sausen, sind eigentlich nur abgelegtes Zeug, das, im Zug sitzend, aus dem Fenster schauend, im Kopf Raum findet aufzutauchen. Als würde die vorbeirasende Landschaft einen inneren Sog auslösen und erholsame Leere schaffen. Hinterher könne man ja die meisten vergessen, aber ein, zwei, sind meist darunter, mit denen man weiterarbeiten kann. Immerhin. Schlick fuhr, wenn ich mich an seinen Schwall, die Schwalle seiner Ideen, die er begeistert von sich gab, erinnere, immer Zug. Joseph Zehrer 132

Als mich Petra und Ralph Schilcher fragten, ob ich einige Worte zum 60sten Geburtstag des verstorbenen Künstlers Jörg Schlick schreiben möchte, musste ich erst in Ruhe nachdenken, was ich schreiben wollte. Über die persönliche Begegnung mit ihm, dem Menschen, dem Künstler oder über seine Kunstwerke? Ich kam zu dem Schluss, dass sich diese Aspekte nicht voneinander trennen lassen. Die Jahre sind so schnell vergangen, dass ich erst in mein Archiv gehen musste, um meine Unterlagen durchzuschauen, wann ich das letzte Werk von Jörg Schlick erworben hatte, welches dies eigentlich war und wann die Galerieausstellung in Mannheim mit ihm war. Beim Stöbern sind viele Erinnerungen an Jörg geweckt worden. So kann ich mich z.B. noch sehr genau an die Begegnung mit ihm anlässlich seiner Ausstellung in Mannheim in meiner Galerie Contemporary Art erinnern, bei der er persönlich aus Graz angereist war und die Galerie nach seinen Vorstellungen gestaltete. Als ich ihn damals fragte, ob er mit mir in Mannheim – für die internationale Kunstszene eigentlich kein bedeutender Ort – eine Ausstellung machen wollte, hat er spontan zugesagt. In dieser Zeit des Aufbaus der Ausstellung in der Galerie in Mannheim, in der Jörg bei mir wohnte, sind wir uns auch persönlich nahe gekommen. 133

Besonders seine zweiteilige Arbeit über Joseph Beuys – ein Cover einer Spiegelausgabe – mit seinem Motto “Keiner hilft Keinem“ und dem Logo der Lord Jim Loge, die lange über dem Schreibtisch in meinem Büro hing, hat mich in meinem beruflichen Alltag doch öfters sehr nachdenklich gestimmt. Seine Person und seine Arbeiten bleiben mir unvergessen. Dieter Zlotecki, Mannheim, den 17. März 2011 WIR KURATOREN! Eines muss einmal klar gesagt werden, wir Kuratoren sind das Wichtigste im Kunstbetrieb. Wir sind Dirigenten und Komponisten in einem. Wir tragen die Verantwortung, wir müssen ständig neue Künstler entdecken, und sollte einer dieser Kerle nicht innerhalb von 2 Jahren Weltkarriere machen, dann ab in den Gulli. Diesen arroganten Künstlern geht es um die Freiheit. Lächerlich! Die sollen die Schnauze halten und ihre Scheiße möglichst schnell, präzise und politisch korrekt abliefern. Unsere Kunstpolitessen bestimmen, was richtig und falsch, politisch korrekt oder unkorrekt ist. Wir Kuratoren haben die Macht – und das ist gut so. Und warum haben wir die Macht? Weil wir die wahren Kunstwerke schaffen. Was früher die 134

Farben für die Maler waren, sind heute die Künstler für uns. Ist ein Künstler ein bisschen angetrocknet, dann ab in den Gulli. Wir Kuratoren können uns nicht um angetrocknete Künstler kümmern, wir sind immer auf dem Sprung, ständig auf Materialsuche, wir müssen immer neue Kunstwerke schaffen. Ich freue mich schon auf die Zeit, wo wir Kuratoren total ohne Künstler auskommen. Wir sind die wahren Nachfolger Duchamps, für uns sind Künstler Flaschentrockner. Diese lächerlichen Neurotiker gehen uns in Wirklichkeit auf die Nerven. Sie sind immer zu spät, haben Sonderwünsche und manche glauben sogar, sie seien Genies – igittigitt. Aber wir Kuratoren haben die Macht und die bekommen diese angetrockneten Pinsel noch zu spüren. Wehe, diese Würstchen kriechen uns in den Arsch, dann aber ab in den Gulli. Denn wir Kuratoren haben das Wissen, die Macht und die Intelligenz. Die wahren Künstler sind wir. Daher gründe ich die Plattform: mehr Geld für Kuratoren, weniger für Künstler. Jörg Schlick Heimo Zobernig Jörg Schlick/Heimo Zobernig. Schuhe, Forum Stadtpark, Graz, E: 20.5.1996, 21.-25.5.1996 135

DANK AN: Altziebler Georg Bauer Heidi Bauer Jack Behr Martin Beit Andreas Bleich-Rossi Gabriella Blöchlinger Andres Braun Lena Breisach Niki Brus Anna Brus Günter Buchmann Christian Carl Rüdiger Celedin Gertrude Diethardt Reinhard Draxler Saskia Droschl Maximilian Dziuba Gabriele Eisendle Sigrid Felbinger Gerhard Fenz Werner Fiedler Elisabeth Fiedler Stephan Frisinghelli Christine Fuchs Rainer Gansterer Helmut A. Goger Manfred 136

137

Gostner Martin Gottinger Ernst Grabensberger Peter Granit Tamer Grilj Mathias Grond Walter Hafner Daniel Hartmann Detlef Hoeck Richard Höhne Andreas Huber Axel Hütter Frido Johansson Sven-Åke Kaup-Hasler Veronica Kipcak Orhan Kippenberger Susanne Kogler Peter Kolleritsch Alfred König Kasper Kraus Karola Krebber Michael Kriesche Richard Kubinski Achim Kupelwieser Hans Lorenz Wolfgang Marczik Christian Mayer Hans-Jörg Messner Johannes monochrom 138

Müller Walter Nagel Christian Neff Michael Oehlen Albert Orthofer Ingeborg Pakesch Peter Pessler Monika Peters Werner Pieber, Familie Russek Frank Russek Patricia Sailer Helmut Schmatz Ferdinand Schuster Michael Semotan Elfie Ševčíková Jana Ševčík Jiří Sommer Gerhard Steps Heimo Stocker Karl Strablegg Markus Strobl Helmut Strothjohann Ulrich Titz Walter Trenkler Thomas Troger Gustav Vötter Joachim J. Waldorf Günter Waldorf Ulrike 139

Weibel Peter Weigand Hans Wolf Peter Wolff-Plottegg Manfred Würthle Michel Zach Karin Zehrer Joseph Zlotecki Dieter Zobernig Heimo

140

DIE VERSTORBENEN FREUNDE: Sabine Achleitner (1960-2008) Wolfgang Bauer (1941-2005) Alexander Bleich-Rossi (1945-1994) Peter Fiedler (1950-2004) Peter Gellner (1953-2009) Martin Kippenberger (1953-1997) Birgit Küng (1945-2005) Elisabeth Printschitz (1952-1993) Claus Schöner (1951-1999) Werner Schwab (1958-1994) Hartmut Skerbisch (1945-2009) Hartmut Urban (1941-1997)

141

FOTOS: Mit freundlicher Genehmigung von Seite1: Karin Zach Seite 13: Gabriella Bleich-Rossi Seite 29: Elisabeth Fiedler Seite 37: Lisa Kandlhofer Seite 73: Andres Blöchlinger Seite 99: Michael Schuster Seite 111: Georg und Waltraud Skerbisch Seite 123: Gabriele Kolleritsch Cover: © Alexander Bleich-Rossi Seite7: © Christian Philipp Müller Seite 9: © Foto Keglevic Seite 55: © Elfie Semotan Seite 64: © Ulrike Hohn Seite 80: © monochrom Seite 103: © Gustav Troger Seite 105: © Galerie cool tour Janos Erdödy Seite 136: © Galerie & Edition Artelier Umschlag Rückseite: © Galerie & Edition Artelier LITERATUR: Mit freundlicher Genehmigung für das einmalige Abdruckrecht: Seite 87-89: von Ingeborg Orthofer, Werner Schwab „sein letzter Text“ Erstabdruck: Manuskripte, 44. Jahrgang, 165. Heft, September 2004 Seite 10: Heidi Bauer, aus Wolfgang Bauer, „Das Lächeln des Brian De Palma“, (Literaturverlag Droschl) TEXTNACHWEIS: Seite 20, 21: Billy Strayhorn, „Lush Life“ Seite 101, 102: Tony Hazzard, „Ha Ha Said The Clown“

142

IMPRESSUM: Herausgeber: Petra Schilcher, Artelier Contemporary Ralph Schilcher, Artelier Collection Verleger: Artelier Collection GmbH, Graz Konzept und Redaktion: Petra Schilcher, Daniela Böhm, Marion Jansky Lektorat: Iskra Buschek DTP und Produktion: Joseph Windisch – art productions, Graz Druckerei: Dorrong, Graz 1. Auflage: 1500 Exemplare © Herausgeber und Autoren, 2011

143

144

View more...

Comments

Copyright © 2020 DOCSPIKE Inc.